Soziale Ungleichheit schwächt Individuen und Gesellschaften

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass große soziale Ungleichheit zu erheblichen gesellschaftlichen Verwerfungen führt. Die Zunahme von Gewalt, aber auch von Kriminalität bis hin zu höheren Mordraten gehören ebenso dazu, wie soziale und gesundheitliche Auswirkungen, höhere Raten von Kindersterblichkeit, steigende Drogenkonsumprobleme und Fehlernährung, mit der Folge etwa von Fettleibigkeit sowie einer Beeinträchtigung der Lebenschancen von Kindern. Insbesondere Kinder aus unteren sozialen Schichten sind in ihren Lebenschancen deutlich beeinträchtigt.

Wenn wir hier von sozialer Ungleichheit sprechen, meinen wir die Einkommens- und Statusungleichheit, die auf dem ungleichen Zugang zu Einkommen und Vermögen, aber auch zu Bildung, Kultur und gesellschaftlicher Anerkennung beruht. Übergroßem Reichtum Weniger steht eine wachsende Zahl Menschen gegenüber, die kein ausreichendes Einkommen haben, um sich und ihren Angehörigen die täglichen Bedürfnisse zu erfüllen und die erst recht von der Teilhabe an gesellschaftlichen Errungenschaften wie Sport, Kultur und Freizeit ausgeschlossen sind. 

Die gesundheitlichen Folgen sollen anhand der Lebenserwartung und mit Blick auf psychische Erkrankungen (die auch in einem engen Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen stehen) näher betrachtet werden. Sie wurden von den englisch-amerikanischen Gesundheitsforscher*innen Richard Wilkinson und Kate Pickett (1) intensiv untersucht.

Menschen sterben früher

Gesundheitliche Probleme sind in einkommensgleicheren Gesellschaften geringer und die Lebenserwartung ist höher. Japan als das Industrieland mit der größten Einkommensgleichheit hat zugleich die höchste Lebenserwartung der Bevölkerung, während sich die USA und Portugal, in denen die soziale Ungleichheit besonders stark ausgeprägt ist,  am anderen Ende des Spektrums befinden. Dieses Ergebnis kommt nicht nur dadurch zustande, dass Menschen aus ärmeren Schichten früher sterben. Auch die Lebenserwartung der oberen 20 % ist kürzer als in einkommensgleicheren Ländern.

Dennoch gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den sozialen Schichten. Das Robert Koch-Institut hat 2016 in Deutschland die unterschiedliche Lebenserwartung nach Einkommen untersucht und dabei festgestellt, dass die unteren 20 % sehr viel kürzer leben als die oberen 20 %. Bei Männern beträgt der Unterschied 10,8, bei Frauen 8,4 Jahre.

Die Psyche leidet

Psychische Erkrankungen kommen in stark einkommensungleichen Ländern deutlich häufiger vor. Sie sind in den unteren Einkommensklassen weitaus stärker verbreitet als in den höheren. Ursache hierfür sind die größeren Statusängste in ungleicheren Ländern. Sie führen dazu, dass Menschen an der Spitze der sozialen Leiter als besonders wertvoll und diejenigen am Ende als fast wertlos angesehen werden. Depressionen, Angststörungen und Drogenprobleme sind die Folge. Schon Kinder setzen sich in ungleicheren Gesellschaften höhere Berufsziele, die ihren Fähigkeiten häufig nicht entsprechen und dann zu Stress und Versagensängsten führen können.

Ungleichheit produziert aber auch Persönlichkeitsstörungen wie Narzissmus und damit verbundene Verhaltensprobleme wie Konkurrenzdenken und das Streben nach einem höheren Status und daraus resultierend  überhöhte Selbsteinschätzung, die oft gepaart sind mit einem Mangel an Empathie, Verleugnung eigener Schwäche, Unfähigkeit zum Umgang mit Kritik, starker Beschäftigung mit der eigenen Erscheinung in den Augen anderer und der Überbewertung eigener gegenüber Talenten anderer.

Die Anzahl der Menschen mit diesen Eigenschaften hat insgesamt erheblich zugenommen.  Insbesondere von erfolgreichen Wirtschaftsmanager*innen werden Eigenschaften wie Ellenbogenmentalität, Machtbewusstsein und zwanghafter Perfektionismus erwartet, die diese Verhaltensstörungen hervorbringen oder wenigstens fördern. Notwendig wäre dagegen, statt Narzissmus Empathie und Hilfsbereitschaft zu fördern, die in gleicheren Gesellschaften sehr viel häufiger vorkommen.

Globale Herausforderungen der Zukunft sind nur mit Teamgeist zu bewältigen

2015 veröffentlichte die US-amerikanische Raumfahrtbehörde NASA eine Studie, die die Chancen für eine Bewältigung der existenziellen Umweltkrise unter Bewertung des Grades (globaler) sozialer Ungleichheit bewertete. Danach sind Gesellschaften mit hoher sozialer Gleichheit als einzige in der Lage, den ökologisch bedingten zivilisatorischen Untergang zu verhindern. Gesellschaften, in denen Konkurrenzdenken, gruppenbezogene, aber auch individuelle Egozentrik und soziale Spaltung herrschen, können gemeinsame gesellschaftliche Herausforderungen schlechter bewältigen. Ein anderes, dazu passendes, Szenario entwirft der israelische Historiker Yuval Noah Harari (2). Fortschritte in Biotechnologie und Medizin können zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft führen: „Wenn sich neue Behandlungsmethoden zur Lebensverlängerung und zur Verbesserung körperlicher und kognitiver Fähigkeiten als kostspielige Angelegenheit erweisen sollten, könnte sich die Menschheit in biologische Kasten aufspalten“ (114). Im Jahre 2100 könnte es dann eine kleine Klasse von Übermenschen und eine riesige Unterschicht „nutzloser“ Menschen geben. 

Tendenzen zur Individualisierung von Gesundheitschancen und der Verringerung der Teilhabe am medizinischen Fortschritt, die schon jetzt erkennbar sind,  würden durch eine solche biologische Optimierung einer kleinen gesellschaftlichen Elite auf die Spitze getrieben.

Die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen wächst immer weiter 

Die Einkommensentwicklungen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass sich die soziale Ungleichheit immer stärker ausprägt.

So besitzen in Deutschland die reichsten 10 %  60 % des Gesamtvermögens, während die unteren 25 % gar kein Vermögen besitzen. Und auch die Einkommensentwicklung hat sich zu Lasten der unteren Einkommen in den letzten Jahrzehnten deutlich verschlechtert. Anfang der 1990er Jahre betrug das Verhältnis der Einkommen der oberen 10 % zu den unteren 10% noch 6 : 1. Zwanzig Jahre später betrug dieses Verhältnis 8 : 1. Besonders krass ist das Ausmaß der Einkommensungleichheit mit Blick auf Gehälter von Spitzenmanager*innen großer Unternehmen. Während noch in den siebziger Jahren die Einkommensunterschiede in den USA zwischen Manager*innen und einfachen Beschäftigten durchschnittlich bei 20 : 1 bis 30 : 1 lagen, sind sie zu Beginn dieses Jahrhunderts auf 400 : 1 angestiegen.

Insgesamt  ist dies eine Entwicklung, die mit Blick auf die menschliche Gesundheit und die Fähigkeiten zur Bewältigung kollektiver Problemlagen als sehr kritisch zu sehen ist.

So können wir dagegen halten

Wirkungsvolle Gegenstrategien im Sinne von Demokratisierung sind die Stärkung der  Mitbestimmung von Arbeitnehmer*innen in den Aufsichtsräten und die Förderung genossenschaftlicher Unternehmen, u. a. der Unternehmen im Besitz von Arbeitnehmer*innen. In diesen Unternehmen sind die Einkommensdifferenzen wesentlich niedriger und die Kooperationsrate der Mitarbeiter*innen ist wesentlich höher – mit dem Effekt erhöhter Produktivität. Weitere positive Folgen sind geringere Krankenstände und höhere Arbeitszufriedenheit.

Gesellschaftliche Teilhabe des Einzelnen ist ein Wert an sich. Wir erkennen aber auch die durch soziale Ungleichheit hervorgerufene soziale Spaltung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft in Form geringerer Lebenserwartung und häufigeren psychischen und physischen Erkrankungen, sozial prekärer Lebensverhältnisse und des Verlustes sozialen Zusammenhalts und gesellschaftlicher Perspektiven. Dies macht es notwendig, die jahrzehntelange Umverteilung von unten nach oben umzukehren und eine andere, in Richtung einer auf menschlichen Respekt und umfassende Teilhabe orientierte Gesellschaftspolitik voranzubringen. 

Unsere Ziele

  • wirtschaftliche Teilhabe durch eine gerechte Beteiligung an Einkommen und Vermögen,
  • Teilhabe an Gesundheit und der uneingeschränkte Zugang zu Leistungen für Gesundheit und gegen Krankheit,
  • Stärkung der persönlichen Selbstbestimmung und der persönlichen Entwicklung,
  • Teilhabe an Bildung, Wissen und Wissenschaft, Bildungsgerechtigkeit,
  • Förderung des sozialen Respektes untereinander und dabei der Anerkennung des  Wertes jedes Menschen für die Gesellschaft.

Unsere Wege

Um diese Ziele zu erreichen gibt es mehrere Ansätze, insbesondere:

  • Umverteilung durch angemessene Besteuerung hoher Einkommen und Vermögen,
  • Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens in ausreichender Höhe,
  • Aufbau einer solidarischen Ökonomie (Wirtschaftsdemokratie), die große Einkommensunterschiede gar nicht erst aufkommen lässt und auf die Herstellung sozial nützlicher und nachhaltiger Leistungen und Produkte orientiert ist,
  • Stärkung der Gemeinwirtschaft durch Vergesellschaftung der Gemeinschaftsgüter, insbesondere der Verbesserung der sozialen Infrastruktur sowie  der Einrichtungen und Unternehmen der Daseinsvorsorge zur Gewährleistung des ungehinderten Zugangs zu Bildung, zu preiswertem Wohnraum, Gesundheitsleistungen und öffentlichem Personennahverkehr,
  • Stärkung der lebensweltnahen Politik durch Stärkung und Ausbau der quartiersbezogenen und kommunalen solidarischen Bürger*innengesellschaft.

Politisches Handeln in diesem Sinne kann deswegen mit Rudolf Virchow als „Medizin“ für die Gesellschaft bezeichnet werden.

(1) Wilkinson, Richard & Kate Pickett (2010): Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Tolkemitt Verlag, BerlinWilkinson, Richard & Kate Pickett (2018): The Inner Level. How more Equal Societies Reduce Stress, Restore Sanity and Improve Everyone’s Well-beeing. Penguin random House UK

(2) Harari, Yuval Noah (2018): 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. Verlag C.H. Beck oHG, München

Ein Kommentar

  1. Grundsätzlich stimme ich zu. Ich würde das nur in einen größeren Zusammenhang stellen:
    Das kapitalistische Profit- / Konkurrenzsystem fördert prinzipiell Ungleichheit: Die Mächtigeren haben mehr Möglichkeiten, ihre Macht auszubauen, die Benachteiligten haben nur eine Chance, wenn sie sich gemeinsam dagegen wehren. Die Ziele und Wege dienen dazu, gegen die Macht des Kapitals eine Gegenmacht aufzubauen. Insofern sind sie gut.
    Die Frage ist nur: Sollten wir uns damit begnügen und damit auch in Zukunft einen ständigen Gegensatz haben, der zum Verlust der erreichten Wege und Ziele führen kann? Oder sollten wir als Ziel die Macht des Kapitals brechen und eine bedürfnisorientierte Gesellschaft, einschließlich Wirtschaft, aufbauen und uns damit die Zukunft erleichtern?

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