Ernst Wolffs Monster

Vereinfachte Weltbilder erfreuen sich aktuell wieder wachsender Beliebtheit. Die Corona Pandemie existiere eigentlich nur, weil die WHO ihre Pandemiedefinition geändert habe, ist eine dieser Behauptungen, die sich trotz eindeutiger Widerlegung hartnäckig hält. Cui bono? fragen viele Querdenker und glauben, mit Ernst Wolff bei einem der Stars der sich selbst als frei bezeichnenden Medien Antworten zu finden. Dass viele seiner Ausführungen genauso faktenfrei sind wie die ihnen zu Grunde liegende These und wessen Interessen damit tatsächlich bedient werden, ist Thema dieses Blogbeitrags.

Das Geld Monster

Ernst Wolff bezeichnet sich als freier Journalist. Auf KenFM hat er eine eigene Sendereihe The Wolff of Wallstreet, in der er versucht, Begriffe aus der Finanzwelt zu erklären. Als Schlüssel zum Verständnis seiner Sichtweise kann eine Szene aus seinem Vortrag Die Geschichte des Geldes dienen, den er Ende 2019 für die KenFM nahe Plattform WIR in Berlin hielt.

Ernst Wolff und das Geldmonster
Bildquelle: Screenshot YouTube/ WIR Wissen ist relevant https://www.youtube.com/watch?v=PhZ1w2gmG8I Minute 15:14; Bildzitat nach § 51 UrhG

In dem Vortrag steht er vor einer großen Abbildung, die ein furchterregendes Monster zeigt, das seinen Erläuterungen zufolge das Geld darstellen soll. Wörtlich sagt er:

Aber nicht nur die Finanzmärkte, auch das Geld selbst hat im Verlauf seiner Geschichte seine ganz eigenen Mechanismen entwickelt. Mechanismen, die sich dem Willen des Menschen entziehen, die er als einzelner oder auch in Gruppen nicht beeinflussen kann. Nehmen wir zum Beispiel das Phänomen der Inflation, das dann auftritt, wenn zu viel Geld ins System gespeist wird oder das der Deflation, wenn ihm zu viel Geld entzogen wird. Das sind Mechanismen, die niemand beeinflussen kann, die uns zwar nach sozialem Stand unterschiedlich treffen, die aber trotzdem für alle gelten. Ob arm oder reich, ob mächtig oder ohnmächtig. Geld ist damit, ähnlich wie Mary Shelleys Romanfigur Frankensteins Monster, ein Produkt des Menschen, hat aber nach seiner Erschaffung begonnen, ein Eigenleben zu führen und es über Jahrhunderte und Jahrtausende geschafft, seine eigenen Schöpfer zu beherrschen und zu tyrannisieren.

Ernst Wolff, Vortrag Die Geschichte des Geldes – Von der Tauschwirtschaft bis zum Hochfrequenzhandel bei WIR Wissen ist relevant zitiert nach YouTube https://www.youtube.com/watch?v=PPhZ1w2gmG8I ab Minute 14:15

Natürlich macht es Sinn die Position zu vertreten, dass es im Zusammenhang mit Geld immer wieder zu überraschenden Effekten kommt, wie zahlreiche Finanzkrisen der letzten Jahre zeigen. Dass allerdings niemand das Phänomen der Inflation beeinflussen kann, vertritt, abgesehen von dieser kurzen Sequenz, nicht einmal Ernst Wolff selbst.

In der Folge Inflation und Deflation seiner Serie Wolff of Wallstreet weiß er nämlich zu berichten:

Eine Inflation ist also nichts anderes als die Folge einer Erhöhung der Geldmenge durch die Zentralbank.

The Wolff of Wall Street: Inflation & Deflation/

Mal abgesehen davon, dass es sicher eine Menge Menschen gibt, die das für eine, bestenfalls, unterkomplexe Erklärung halten, ist damit trotz allem hinreichend klargestellt, wer etwas gegen Inflation unternehmen kann, zumindest unter bestimmten Umständen: Die Zentralbank, indem sie die Geldmenge vermindert, z.B. indem sie den Leitzins erhöht. Der Verdacht liegt deshalb nahe, dass Ernst Wolff mit seinem Monster, vielleicht unbewusst, gar nicht das Geld selbst meint, sondern finstere Mächte, von denen er glaubt, dass sie es beherrschen.

Das Geld Monster als FED Monster

Denn hört man, was er in der Folge Federal Reserve System seiner Serie Wolff of Wall Street über die US-amerikanische Notenbank von sich gibt, stößt man auf alte Verschwörungsmythen. Da behauptet er nämlich:

Das F im Wort FED steht für federal, zu deutsch föderativ oder bundesstaatlich. Es erweckt den Eindruck, dass es sich bei der FED um eine staatliche Einrichtung handelt. Das aber entspricht nicht den Tatsachen. Die FED wurde nicht vom Staat, sondern von einer Handvoll Wall-Street-Banker unter Mithilfe einiger Politiker ins Leben gerufen. Die FED gehört auch nicht dem amerikanischen Staat, sondern mehrheitlich den Besitzern ihrer Mitglieder. Sie ist ein mit dem Staat verschmolzenes Bankenkartell in der Hand zumeist privater Eigentümer.

The Wolff of Wall Street: Federal Reserve System

Dass ist in mehrfacher Hinsicht falsch. Die FED wurde von niemand anderem als dem US-amerikanischen Kongress durch ein Gesetz, den Federal Reserve Act, geschaffen. Ihr siebenköpfiger Vorstand, das Federal Reserve Board, wird vom US-Präsidenten nominiert und muss vom US-Senat bestätigt werden.

Außerdem besteht das Federal Reserve System unter anderem aus zwölf regionalen Notenbanken. Jede Bank, die der nationalen Bankenaufsicht unterliegt, ist per Gesetz verpflichtet, bei der regionalen Notenbank Mitglied zu werden, die für das Gebiet zuständig ist, in dem sich der Hauptsitz der Bank befindet. Regional tätige Banken können, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen, auf freiwilliger Basis, ebenfalls Mitglied werden. Alle Mitgliedsbanken müssen einen gesetzlich festgelegten Anteil am Eigenkapital der regionalen Notenbank zeichnen, der sich nach der Größe der Mitgliedsbank richtet. Dieser Anteil wird mit einem gesetzlich festgelegten Prozentsatz verzinst. Dass Wolff dieses Konstrukt entweder nicht kennt oder nicht verstanden hat, zeigt er in seinem Buch Finanz-Tsunami. Da schreibt er im Kapitel 5: Ziemlich beste Freunde: US-Finanzwirtschaft und US-Politik auf Seite 44:

Die wohl am häufigsten gestellte Frage in Bezug auf die FED ist die nach ihren Besitzern. Sie ist nie zufriedenstellend beantwortet worden, da die Eigentumsverhältnisse seit ihrer Gründung wie ein Staatsgeheimnis gehütet werden. Man kann aber davon ausgehen, dass die Familien der Gründerbanken, also die Morgans, Rockefellers, Warburgs und einige andere nach wie vor dazugehören (welchen Grund sollten sie haben, eine nie versiegende Geldquelle aus der Hand zu geben?) und dass sie im Verlaufe der über einhundertjährigen Geschichte der Bank nicht nur riesige Vermögen angehäuft, sondern mit Hilfe ihrer Anwälte auch alles getan haben, um ihren Reichtum vor der Öffentlichkeit zu verschleiern und zu verstecken.

Ernst Wolff: Finanz-Tsunami Seite 44

Hinter dem Absatz steht eine Fußnote, in der es heißt:

Keine dieser Familien ist in der Forbes-Liste der 500 reichsten Menschen der Welt vertreten.

Ernst Wolff: Finanz-Tsunami Seite 177 Anmerkung 32

Das ist eine super schlüssige Argumentation: Es gibt zwar keinen Beweis, aber das an sich ist doch schon Beweis genug für ihre Macht.

Die Wahrheit sieht anders aus. Die aktuelle Liste der nationalen Mitgliedsbanken der FED wird regelmäßig auf der Seite der US-amerikanischen Bankenaufsicht veröffentlicht. Von einem Staatsgeheimnis kann also keine Rede sein. Und ihren Gewinn, mit Ausnahme der oben bereits erwähnten gesetzlich geregelten Verzinsung der Beteiligung am Eigenkapital, schüttet die FED nicht an ihre Mitgliedsbanken, sondern an den Staat aus.

Gerüchte wie die hier von Wolff gestreuten, werden auch gerne von Antisemiten verbreitet. Denn es war der aus einer wohlhabenden deutsch-jüdischen Bankiersfamilie stammende Paul Moritz Warburg, der sich im Vorfeld der Gründung der FED am entschiedensten für dieses Vorhaben einsetzte. Dass jüdische Familien aus dem Hintergrund die FED steuern, gehörte bereits zum antisemitischen Standardrepertoire nationalsozialistischer Propaganda in der Weimarer Republik.

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass es an der FED wie auch an anderen Zentralbanken wie der EZB keine berechtigte Kritik gäbe. Um diese Kritik zu äußern müssen allerdings nicht erst Familien als mächtige Strippenzieher haluziniert werden, die die Zentralbank angeblich aus dem Hintergrund steuern und dabei riesige Vermögen anhäufen, die dann aber nirgends aufzufinden sind.

Attac kritisiert die EZB seit vielen Jahren, beispielsweise dafür, dass Zentralbanken zwar im großen Stil Staatsanleihen aufkaufen, diese aber nicht direkt von den Regierungen erwerben. Stattdessen geschieht dies über dazwischengeschaltete Geschäftsbanken, die dadurch bei jeder Transaktion völlig risikolos viel Geld verdienen. Auch darüber, ob eine unabhängige Notenbank tatsächlich ein Wert an sich ist, oder ob sie nicht in Zukunft doch besser einer stärkeren Kontrolle durch ein demokratisch gewähltes Parlament unterliegen sollte, darf nachgedacht werden. Zentral sollte vor allem die Frage sein, wer für was wieviel Kredit erhält. Am radikaldemokratischsten stellt diese Frage in aktuellen Debatten die Modern Monetary Theory. Bei diesem Ansatz werden Staatsausgaben nicht mehr in erster Linie über Steuern finanziert, sondern über Kredite der Notenbank. Steuern dienen dann, anders als heute, vor allem dazu, dem Geldkreislauf zu viel vorhandenes Geld wieder zu entziehen.

Ernst Wolffs Inspiration: Libertäre wie Antony C. Sutton

Die wahre Größe von Wolffs Monster wird aber erst durch eine Recherche dazu erfassbar, wer die Ideengeber für seine Verschwörungsmythen sind. Hilfreich ist dabei ein Blick in die Literaturauswahl, die sich am Ende seines Buchs Finanz Tsunami findet. Den dort zu findenden knapp 50 Titeln stellt er die Bemerkung voran:

Bei den aufgeführten Büchern handelt es sich um Quellen für den vorliegenden Text und um Leseempfehlungen des Autors. Sie sind gut lesbar, setzen fast alle kein wissenschaftliches Fachwissen voraus und können helfen, einzelne im Buch angeschnittene, aber nicht näher behandelte Themen zu vertiefen,

Ernst Wolff: Finanz-Tsunami Seite 183

Der einzige Autor, der in dieser Liste mit gleich drei Titeln vertreten ist, ist der Libertäre Antony C. Sutton, nämlich mit den Titeln:

Die ersten beiden Titel gehören zu einer Trilogie und zu Beginn des Vorworts von Wall Street und der Aufstieg Hitlers schreibt der Autor über diese:

Dies ist der dritte und letzte Band einer Trilogie, welche die Rolle der  amerikanischen korporativen Sozialisten, ansonsten auch bekannt als Wall-Street-Elite oder das liberale Ostküstenestablishment, bei drei bedeutenden historischen Ereignissen des 20.  Jahrhunderts beschreibt: bei der Lenin-Trotzki-Revolution von 1917 in Russland, bei der 1933er Wahl Franklin D. Roosevelts in den USA und bei der 1933er Machtergreifung Adolf  Hitlers in Deutschland. Jedes dieser Ereignisse etablierte eine Form des Sozialismus in einem wichtigen Land – so den bolschewistischen Sozialismus in Russland, den New-Deal-Sozialismus in den Vereinigten Staaten und den nationalen Sozialismus in Deutschland.

Antony C. Sutton: Wallstreet und der Aufstieg Hitlers. Seite 14

Wer nach einem solchen Einstieg das Gefühl hat, es lohnt sich nicht, noch weiter zu lesen, steht mit dieser Einschätzung sicher nicht allein. Dass Sutton mit seinen abenteuerlichen Ansichten im akademischen Betrieb weitestgehend isoliert war, schrieben seine Anhänger allerdings nicht seinen wenig überzeugenden Thesen zu, sondern seinem kompromisslosen Willen, vermeintliche Tabus zu brechen.

Sein deutscher Herausgeber schreibt in einem eigenen Vorwort im selben Buch über Sutton und diese Trilogie:

Diese Bücher stellten ihn ins akademische Abseits. Sutton hatte mit ihnen offenbar eine unsichtbare Linie überschritten, er wurde zu einem Niemand, zu einer geächteten Aussenseiterfigur, zu einem Einzelkämpfer jetzt ausserhalb der geschlossenen Kreise einer vermeintlich seriösen Wissenschaft.

Andreas Bracher in Antony C. Sutton: Wallstreet und der Aufstieg Hitlers, Seite 11

Libertäre Ideologie

Inhaltlich können seine Ausführungen nicht überzeugen. Stattdessen sind sie eher Ausdruck eines hilflosen Versuchs, für die Krise, in die der Kapitalismus nach dem Ersten Weltkrieg mal wieder geriet, Schuldige zu finden, um nicht eingestehen zu müssen, dass es der Kapitalismus selbst ist, der diese Krisen immer wieder hervorbringt.

Wenn in diesem Beitrag von Libertären die Rede ist, dann geht es vor allem um die libertäre Strömung des Anarchokapitalismus. Denn im Libertarismus gibt es durchaus noch andere Strömungen, die sich zum Teil selbst sogar als links verstehen und hier nicht mit gemeint sind.

Anarchokapitalisten lehnen jede Art von Eingriff in den Markt als sozialistisches Teufelswerk ab. Im Marxismus werden Krisen als Teil des Kapitalismus erklärt, deren Ursache im Streben nach Profit liegt. Dem Keynesianismus gelten Wirtschaftszyklen als verantwortlich für Kreisen. Und selbst im Neoliberalismus gibt es die Vorstellung, dass ein Markt eines Ordnungsrahmens bedarf. Wer allerdings wie Libertäre den Markt an sich zum Ziel erklärt und jeglichen Eingriff in diesen strikt ablehnt, dem bleibt als Verantwortlicher für Krisen nur nach irgendwelchen vermeintlichen Schuften Ausschau zu halten, die es dann gilt als Sozialisten zu brandmarken und nach deren Entmachtung zu rufen. Andernfalls würde diese Weltsicht sofort wie ein Kartenhaus zusammenbrechen, denn nichts ist vergänglicher, als ein sich selbst überlassener Markt.

Als der bekanntesten Vertreter des Anarchokapitalismus gilt Hans-Hermann Hoppe, der in Las Vegas von 1986 bis 2008 als Professor der Nachfolger von Murray Rothbard war. Letzterer gilt als Gründer dieser Denkrichtung. In Deutschland organisiert sich diese Strömung rund um die Zeitschrift Eigentümlich frei. Einer ihrer bekanntesten Videoblogger im deutschsprachigen Raum ist Oliver Janich, der seine Botschaften allerdings von den Philippinen aus nach Deutschland schickt. Auf einer der großen Querdenken-Demos wurde eine Rede von ihm per Videoschalte übertragen.

Irrlehren zum Nationalsozialismus

Bezüglich des Aufstieg Hitlers und der Schuld am Zweiten Weltkrieg scheinen bei Wolff immer wieder die Gedanken Suttons durch. Egal, was gerade passiert und die US-Regierung dabei für eine Rolle spielt, alles diente vor allem dazu, damit Hitler an die Macht kommt.

So schreibt Wolff zum Beispiel in seinem Buch Finanz Tsunami im Kapital 8: Das Wall-Street-Prinzip: Profitieren und destabilisieren auf Seite 64 zum Young-Plan, mit dem die USA darauf drängten, dass Deutschland seinen Reparationsverpflichtungen weiter nachkommt:

Während der von 1924 bis 1929 geltende Dawes-Plan Deutschland erlaubt hatte, seine Schulden zum Teil in Form von Waren zurückzuzahlen, bestand der Young-Plan ausschließlich auf Geldzahlungen. Diese führten zu immer härteren finanziellen Engpässen, ließen die Zahl der Arbeitslosen um eine weitere Million in die Höhe schnellen und bereiteten damit dem endgültigen Siegeszug der Nationalsozialisten den sozialen Boden.

Ernst Wolff: Finanz-Tsunami Seite 64

Als die USA dann allerdings einige Jahre später in der Schuldenpolitik gegenüber Deutschland eine radikale Kehrtwende vollführten, war es auch nicht recht:

Um einen solchen Bankrott zu verhindern, sorgten die USA umgehend dafür, dass Deutschlands Reparationszahlungen auf der Konferenz von Lausanne im Juli 1932 mit der Aufforderung zu einer symbolischen Restzahlung (die nie geleistet wurde) beendet wurden. Die Maßnahme war nicht nur eine schallende Ohrfeige für Großbritannien und Frankreich, die mit weiteren Reparationszahlungen gerechnet hatten und nun leer ausgingen, sondern auch ein deutliches Signal der Ermutigung an die immer stärker werdende nationalsozialistische Bewegung in Deutschland, die bereits seit mehr als einem Jahrzehnt gegen die Reparationszahlungen zu Felde zog.

Ernst Wolff: Finanz-Tsunami Seite 66

Das hört sich zwar stimmig an, ist aber bestenfalls die halbe Wahrheit. Tatsächlich hatte die NSDAP bei den Reichstagswahlen Ende Juli 1932, kurz nach Ende der Lausanner Konferenz, ihr bis dahin historisch bestes Ergebnis, konnte dieses aber nicht lange halten. Schon drei Monate später wurde wieder gewählt und das Ergebnis der NSDAP brach von 37,4% auf 33,1% ein.  Viele glaubten damals, der bis dahin unaufhaltsam erschienene Aufstieg der NSDAP wäre damit vorerst gestoppt.

Was kurze Zeit später Hitler dann tatsächlich an die Macht brachte und der NSDAP in den letzten als frei geltenden Reichstagswahlen im März 1933 das beste Ergebnis ihrer Parteigeschichte einbrachte war keine Wallstreet-Intrige, sondern die Bereitschaft deutscher bürgerlicher Parteien mit der NSDAP unter einem Reichskanzler Hitler zusammenzuarbeiten. An dieser Tatsache kommt dann zwar auch Wolff nicht vorbei, gibt aber auch hier der Wall-Street und der Bank of England ein völlig unangemessenes Gewicht, in dem er die guten Kontakte einiger Protagonisten dorthin betont.

Neben dem verzerrten Blick auf die Vergangenheit ist in den Schilderungen Wolffs und Suttons aber vor allem ein weiterer Aspekt problematisch: Geschichte wird dort nur als eine Abfolge von Handlungen mächtiger, oft aus dem Verborgenen agierender Kräfte geschildert. Alle anderen Akteure, wenn sie überhaupt vorkommen, haben bestenfalls die Rolle einer manipulierten Masse. Dass es in der Weimarer Republik und selbst noch nach deren Ende zahlreiche Kräfte gegeben hat, die sich dieser Entwicklung entgegengestellt haben, fällt unter den Tisch. Politische Entwicklungen werden als etwas von oben Gesteuertes geschildert, gegen das soziale Bewegungen, geschweige denn der Einzelne, machtlos sind. Diese Sichtweise ist aber falsch. Dass bürgerliche Parteien ein Bündnis mit Faschisten eingehen, ist keine historische Zwangsläufigkeit, wie letztes Jahr der erfolgreiche Widerstand gegen einen von AfDs Gnaden gewählten Ministerpräsidenten in Thüringen gezeigt hat. Und in politischen Prozessen sind nicht nur finstere Mächte Akteure, die alles aus dem Hintergrund steuern. Die Welt ist sehr viel bunter und es lässt sich trefflich darüber streiten, was damals von unterschiedlichsten Akteuren für Fehler gemacht wurden und was wir für heute daraus lernen können. Sutton und Wolff liefern allerdings mit ihren Büchern für solch eine Debatte keinen sinnvollen Beitrag.

Auch aus wirtschaftspolitischer Sicht sind die Analysen und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen Wolffs fragwürdig. Heute vertreten viele Ökonomen die Position, dass die Weltwirtschaftskrise zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg unter anderem deshalb so einschneidend war, weil viele Währungen an den Goldstandard gebunden und die Notenbanken deshalb daran gehindert waren, eine expansive Geldpolitik zu betreiben. Die Konsequenz daraus für heute ist, dass Notenbanken der Krise entgegensteuern, in dem sie enorme Mengen Geld in die Wirtschaft pumpen. Genau das sieht Wolff aber kritisch. Diese Skepsis ist auch berechtigt, solange das zusätzliche Geld dazu verwendet wird, die Spekulation an den Finanzmärkten anzuheizen. Wolffs Kritik schießt aber weit über dieses Ziel hinaus, wenn er auch Konzepte wie die Modern Monetary Theory oder das Grundeinkommen pauschal als Helikoptergeld diffamiert und ablehnt.

Sutton und Wolff machen die Wallstreet einfach für alles verantwortlich: Ob Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Russische Revolution oder der Aufstieg des Nationalsozialismus: Immer ist die Wallstreet schuld.

Dass Sutton und Wolff in Ihren Büchern auch den Nationalsozialismus zu den Übeln der Welt zählen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sehr ähnlich wie die nationalsozialistische Propaganda zu Zeiten der Weimarer Republik argumentieren. Wurde damals den Juden die Schuld an allen großen Übeln der Welt zugesprochen, die schon damals nicht nur für den Ersten Weltkrieg und die Krise des Kapitalismus, sondern auch die Russische Revolution und den Kommunismus verantwortlich gemacht wurden, so wird diese Liste von Sutton und Wolff jetzt einfach um Hitler und den Zweiten Weltkrieg erweitert. Zusätzlich werden die Juden durch die Familien, die angeblich die FED kontrollieren, ersetzt. Damals wie heute geht es dieser Art von Argumentation nicht darum, eine ernsthafte Analyse der Krisenursachen zu betreiben, sondern Monster zu jagen, die in dieser Form nur in der Einbildung der Demagogen existieren, die sie beschwören.

Noch mehr Monster: Blackrock, Vanguard und die Digitalkonzerne

Entsprechend kann das Monster auch sehr schnell seine Gestalt verändern. Verbarg es sich vor einem Jahr noch in Form sehr reicher Familien hinter der FED, so steckt es seit Ausbruch der Corona-Pandemie hinter der WHO sowie weltweit allen Regierungen, diesmal in Gestalt von Blackrock, Vanguard, Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft, die angeblich gerade dabei sind, eine globale Diktatur zu errichten.

Angeblich soll es diesen Monstern gerade darum gehen, durch eine künstlich herbeigeredete Pandemie die Aufmerksamkeit davon abzulenken, dass durch Helikoptergeld im großen Stil Schulden weginflationiert werden sollen. Blackrock zum Beispiel aber agiert in der realen Welt völlig anders. Abgesehen davon, dass die COVID-19 Pandemie real existiert, wie die aktuell stark steigenden Fälle mit schweren Verläufen in den Kliniken eigentlich auch dem letzten Realitätsverweigerer drastisch vor Augen führen sollten, geht Blackrock auch mit dem Thema Schulden völlig anders um als es nach Wolff der große Plan vorsieht. Sehr gut zeigen läßt sich das am Beipiel der Umschuldungsverhandlungen mit Argentinien: Als selbst der IWF einen Vorschlag der argentinischen Regierung für einen Schuldenschnitt bei einer Restschuld von 53% unterstützte, war das Blackrock immer noch nicht genug. Am Ende hat Blackrock durchgesetzt, dass Argentinien 54,8% seiner Schulden bezahlen muss.

Nicht nur dieses Beispiel zeigt, dass ein nüchterner Blick auf Finanzkonzerne dringend Not tut. Nur ist es dabei überhaupt nicht hilfreich, Blackrock und all den anderen irgendwelche Verschwörungen anzudichten wie der, sie würden künstlich eine Pandemie anheizen. Die reale Welt ist schon schlimm genug.

Wie seriöse Kritik an Blackrock und all den anderen relativ neuen Finanzmarktakteuren aussieht, kann zum Beispiel im Buch Die Kapitalisten des 21 Jahrhunderts von Werner Rügemer nachgelesen werden, der auch Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac ist. Sehr lesenswert zu dem Thema ist auch das Buch von Jens Berger Wer schützt die Welt vor den Finanzkonzernen? – die heimlichen Herrscher und ihre Gehilfen, das bereits hier im Blog besprochen wurde. Einen sehr guten Einstieg bildet auch der Beitrag Blackrock & Co: Wie mächtig sind Schattenbanken? des YouTube Kanals Wohlstand für Alle von Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt.

Video zu Blackrock auf dem YouTube Kanal von Wohlstand für alle

Verwirrt statt libertär

Bevor hier ein falscher Eindruck entsteht: Ernst Wolff selbst lässt sich zwar gerne von libertären Autoren bei seiner Monsterjagd inspirieren, er selbst ist aber kein Libertärer. Wenn er über Steuern spricht, dann klingt es sogar, als wäre er ganz auf Attac Linie. So sagt er zum Beispiel in der Schluss-Episode Demokratisches Geldsystem seiner Serie The Wolff of Wallstreet:

Das nächste wäre die Geldverteilung. Sie müsste so geregelt werden, dass die mit dem höchsten Einkommen der Allgemeinheit auch am meisten zurückgegeben und nicht wie in unserer Zeit am glimpflichsten davonkommen. Dazu müsste ein gerechtes Steuersystem eingerichtet werden, das nicht länger Einkommen stärker besteuert als Vermögen und das alle Schlupflöcher und damit auch den Weg in die Steueroasen schließt. Zudem müsste das Erbrecht, das in unserer Zeit die Vermögenden extrem begünstigt, geändert werden.

The Wolff of Wall Street: Demokratisches Geldsystem

Jeder echte Libertäre würde sich eher die Zunge abbeißen, als dass ihm solche Sätze über die Lippen kämen.

Also alles halb so wild? Leider nein, denn bevor sich Ernst Wolff eine gerechtere Welt vorstellen kann, müssen seiner Ansicht nach erst die Monster verjagt werden. Dazu sagt er gegen Ende der gleichen Episode:

Voraussetzung für ein demokratisches Geldsystem wäre also, dass die Menschen seine Entwicklung und seine derzeitige Funktion zumindest in ihren Grundzügen durchschauen und sich nicht mehr hilfesuchend an die Falschen wenden – nämlich den Staat, der ja ein Produkt des bisherigen Geldsystems ist, oder an die Politik, die ja auf dem Boden dieses Staates operiert und ihn und sein Geldsystem verteidigt.

The Wolff of Wallstreet: Demokratisches Geldsystem

Zu einfache Weltbilder führen ins Verderben

So werden aber die Auseinandersetzungen, die hier und jetzt zu führen sind, auf den Sanktnimmerleinstag verschoben und Ernst Wolff wird damit zum Helfershelfer all der Libertären, die die bestehende Ordnung zu Gunsten eines Minimalstaats abschaffen wollen, in der Reiche keine Steuern bezahlen müssen und unbehelligt von irgendwelcher staatlicher Regulierung ihren Interessen nachgehen können. Menschen wie Markus Krall, die auf YouTube oft auf den selben Kanälen gefeiert werden wie Ernst Wolff, vermarkten diese Dystopie eines neuen Feudalismus seit langem unter dem irreführenden Schlagwort Bürgerliche Revolution. Das ist aber so ziemlich genau das Gegenteil von dem, wofür Attac steht. Denn wir stehen eben gerade nicht für die Entfesselung der Marktkräfte durch radikalen Abbau jeglicher Regulierung, sondern für eine demokratische Kontrolle der Finanzmärkte.

Korrektur 10.11.: In einer vorherigen Version war irrtümlich davon die Rede, dass das im Blog rezensierte Buch zu Blackrock das von Werner Rügemer wäre, tatsächlich ist es aber das von Jens Berger. Der Hinweis auf das Buch von Jens Berger wurde deshalb ergänzt und der Text des Links entsprechend korrigiert. Außerdem wurde aus Datenschutzgründen die direkte Einbindung des YouTube-Videos zu Blackrock von Wohlstand für Alle durch ein Vorschaubild mit Link ersetzt.

4 Kommentare

  1. Vorweg: Es frustriert mich, wenn solche Beiträge auf diesem Blog erscheinen, der sich selbst der sachlichen, theoretischen Auseinandersetzung verschrieben hat. Hier aber geht es eindeutig primär um Ernst Wolff. Wenn ich nun den Text durch die streng sachliche Brille betrachte und alles ausblende, was unsachlich ad personam zielt, erscheint folgende Aussage:

    Die Gefahr geht nicht von denen aus, die, ausgestattet mit viel Kapital und Einfluß, oft verborgen hinter den Kulissen die Lenkungsfunktionen der finanzkapitalistischen Zentren des Systems erfolgreich im Sinne ihrer Strategien beeinflussen, nein, sie geht vor allem von Menschen aus, die unser Denken und unser Weltverständnis manipulieren.

    Da könnte etwas dran sein, wenn man die Dinge nicht als ein konkurrierendes ‘Entweder-oder’ betrachtet. Zwar bedeutet Kapital in diesem System immer auch Macht, viel Kapital auch viel Macht, aber andersherum ist viel Macht nicht zwingend gleichzusetzen mit entsprechend viel Kapital. Kapital ist nur eine Form, ein – wenn auch bedeutender – Aspekt, eine Teilmenge gesellschaftlicher Macht. Wer deren Wirkungs- und Entstehungslinien nachzeichnen will, trifft auf ein äußerst komplexes Geflecht und wird nicht umhin kommen, seine Darstellung erheblich zu vereinfachen. Da besteht natürlich immer die Gefahr, daß die so gezogenen Konturen im Detail nicht mehr wirklich stimmen – insbesondere, wenn er versucht, die dann notwendigerweise sehr abstrakte Schilderung konkretisierend zu veranschaulichen. Selbstverständlich darf Stephan das dann kritisieren und richtigstellen. Andererseits ist es auch immer eine Frage der eigenen Interpretation, ob man das Gesagte als insoweit vollständige, abgeschlossene Wahrheit verstehen will, oder als einen ergänzenden Aspekt, als Perspektive, die gewisse Verhältnisse verdeutlichen kann, dabei aber vielleicht andere verunklärt, oder sogar Täuschungen projiziert. Insofern ist eben auch die Macht der Manipulierer nicht absolut, sondern abhängig von Bedingungen, die wir sehr wohl ändern können – was dann natürlich auch Einfluß auf unsere Möglichkeit hätte, manipulativ zu argumentieren (denn die Manipulation dockt nahezu immer an unserem Verständnis von Wahrheit an).

    Ernst Wolffs Monster können wir jetzt dank Stephan vielleicht etwas klarer erkennen, Stephans Monster dagegen ist wesentlich einfacher auszumachen. Es hat einen Namen: Ernst Wolff. (Man verzeihe mir diesen kurzen, nicht sachlichen Exkurs.)

    Zusammenfassend (jetzt wieder streng sachlich): Es gibt eine gewisse Parallele und damit einen argumentativen Widerspruch zwischen dem, was Stephan – teils zurecht – kritisiert und seiner eigenen Projektion auf Ernst Wolff. Entweder es kann richtig und sinnvoll sein, – auch überzeichnend – auf einzelne Faktoren oder Personen zu fokussieren, die einer gewünschten gesellschaftlichen Änderung im Wege stehen, oder aber eben nicht. Ob Ernst Wolff diesbezüglich an die heranreicht, vor denen er warnt, kann jeder für sich selbst beantworten.

  2. Punkt 1) Man könnte sich aber auch auf seriösere Quellen beziehen wie z.B “FED – Die Bank Amerikas: Der wahnwitzige Kampf um die Gründung der Federal Reserve” [Roger Lowenstein, 2016]. Auch dort würde man lesen, dass die Gründung der FED höchst umstritten war (und bis heute ist). Ja es handelte sich um eine tatsächliche Verschwörung. Wenn man aber Lowenstein’s Argumente glaubt dann letztlich zum Wohle der Nation.

    Punkt 2) Die Eigentumsfrage von Nationalbanken wird auch von Geldreformern gestellt, wie “Vollgeld”, “100 %-Geld” oder auch “Freigeld”. Josef Huber (Vollgeld/Monetative) hat zum Beispiel folgendes Zitat auf vollgeld.de:

    “Sobald eine Nation die Kontrolle über ihre Währung und ihr Geld verliert, spielt es keine Rolle mehr, wer ihre Gesetze macht. … Solange eine staatliche Kontrolle über Währung und Geld nicht wieder hergestellt ist, und die Regierung ihre Geldhoheit nicht als höchstrangige Pflicht versteht, bleibt alles Gerede über Souveränität und Demokratie müßig.” Mackenzie King, Kanadischer Premierminister 1935-1948.

    Ich denke aber, dass die “Bank von Kanada” seit 1945 im Staatsbesitz ist. Ich konnte leider keine aktuelle Quelle finden. Kanada hat auch innerhalb der MMT eine gewisse Vorbildfunktion.

    Derzeit gibt es aber einen weltweiten Trend zur Verstaatlichung von Zentralbanken.
    https://www.wallstreet-online.de/nachricht/11893133-banken-finanzen-anlagen-gehoeren-zentralbanken-welt

    “Heute haben alle Zentralbanken, unabhängig davon, ob sie sich zu 100 Prozent im Besitz des Staates befinden oder ob sie sich im Besitz von privaten Unternehmen befinden, Mandate, die auf gesamtwirtschaftlichen Ergebnissen beruhen. Eine wirklich privatwirtschaftliche Zentralbank ohne implizite oder explizite Staatsgarantien, die einzig und allein Gewinne für ihre Aktionäre anstrebte, würde sich wahrscheinlich anders verhalten als die derzeitigen Zentralbanken, die ihr Ziel darin sehen, das öffentliche Wohl zu fördern.” => Den letzten Satz kann man auch anderes sehen, Stichwort MMT.

    Die FED ist aber ganz im Besitz von privaten Banken, jedoch sehr streng durch den amerikanischen Gesetzgeber reguliert.

    Punkt 4) Die Frage nach dem besten “Emittenten” von Geld, Staat oder private Unternehmen ist wieder eine hochaktuelle Frage. Siehe “Zentralbankgeld, digitaler Euro, digitaler Yuan,…” vs “Giralgeld, Libra, Amazon Coin, Bitcoin,…”. Viele private Akteure versuchen privates Geld zum eigenen Vorteil auszugeben. “Libra” ist wohl das beste Beispiel wo Facebook ein privates Geldregime erstellen will. 1913 waren es halt (hauptsächlich) die Banken der Wallstreet.

    Punkt 5) Wenn Zentralbanken im Besitz von privaten Unternehmen sind, gehen meist nicht alle (aber der Großteil an) Dividenden an den Staat. In Österreich war es bis 2010 ca 90% Staat und 10% an privaten Eigentümer. In den USA ist es laut Wikipedia ein Verhältnis von grob 40 (Staat) zu 1 (Banken).

    Ich teile viele Punkte die im obigen Artikel erwähnt werden. Jedoch ist nicht jeder der die Eigentumsfrage von Zentralbanken und Geldinstituten stellt gleich ein Antisemit. Und die Gründung von Zentralbanken gehen oft auf sogennante private “Zettelbanken” zurück. Nach und nach haben sich Staaten dann mehr und mehr Einfluss erkämpft um in Krisen besser reagieren zu können. Das diese “Zettelbanken” auch von jüdischen Familien mitgegründet wurden ist meiner Meinung nicht wichtig. Wichtig ist das Wort “privat”.

    1. Zur Zentralbank in Kanada schau mal hier: https://www.bankofcanada.ca/about/history/
      “In March 1935, the Bank of Canada opened its doors as a privately owned institution, with shares sold to the public.” und außerdem
      “Soon after the Bank opened, a new government introduced an amendment to the Bank of Canada Act to nationalize the institution. In 1938, the Bank became publicly owned and remains so today.”

      Wenn Du Dich dafür interessierst, welche Debatten wir bei Attac gerade rund um das Thema Geld führen empfehle ich Dir den gerade frisch erschienen Attac Basistext 58: Das Geld gehört uns allen https://shop.attac.de/basistext-58-das-geld-gehoert-uns-allen?c=5

      Und was die Eigentumsfrage angeht: Natürlich darf die gestellt werden, aber nicht so wie das Ernst Wolff macht. Zentralbanken sind eben, wie Du das ja auch selbst schreibst, hoch regulierte Institutionen, die mensch sich nicht so vorstellen darf wie andere Unternehmen, bei denen der Eigentümer wirklich die Verfügungsgewalt hat. Und bei der FED ist das für die meisten Banken ja sogar eine Zwangsmitgliedschaft, ähnlich wie das in Deutschland z.B. für Unternehmen bei der Industrie- und Handelskammer der Fall ist. Ein großer Unterschied ist, dass im Fall der FED auch ein Anteil am Eigenkapital gezeichnet werden muss, der entsprechend verzinst wird. Das ist ein ziemlich risikoloses Einkommen, wobei im Fall der FED die meisten Banken allerdings, wenn sie über dieses Kapital frei verfügen könnten, dies wahrscheinlich meistens anderswo gewinnbringender anlegen könnten. Viel wichtiger sind allerdings andere Fragen, nämlich wer erhält wozu wieviel Kredit und was gibt es für Interessenskonflikte, wenn eine Zentralbank einerseits Kredite an Banken vergibt und andererseits Aufgaben bei der Aufsicht über diese Banken hat.

  3. Danke für den Beitrag. Ich möchte darauf hinweisen, dass Anarchokapitalismus nicht mit Anarchie gleich zu setzen ist. Anarchisten sind zumeist sehr kapitalismuskritisch.
    Zur Debatte, wieviel Staat ist nötig für die Demokratie, möchte ich darauf hinweisen, dass es durchaus auch linke Konzepte gibt, die gerade indem dieser Staat demokratisiert wird, die Staatlichkeit ein Stück weit zurück drängen. Im derzeitigen System der repräsentativen Demokratie bleibt es nicht aus, höhere Steuern für Reiche zu fordern. In dieser repräsentativen Demokratie braucht es allerdings immens viel Druck von unten um von Parteispenden abhängige Politiker, die gerne essen gehen, Aufsichtsratsposten etc. bekommen, zu gewinnen. Würden z.B. statt in einem Parlament mit parteigebundenen Politikern Entschlüsse dadurch gefällt, dass alle unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen (vom Tierschutzbund bis zum ADAC, Gewerkschaften, Unternehmen, etc.) an runden Tischen entscheiden müssten (Stimmanzahl abhängig von eigener Mitgliederzahl, alle Gehälter dieser Vertreter bezahlt vom Staat für die Dauer ihres Mitwirkens, Konsensprinzip, etc.) würde es mehr Demokratie und weniger Staat im herkömmlichen Sinne geben. Denn jeder könnte dann eben mal schnell Mitglied im ADAC oder beim BUND Naturschutz werden, wenn es um Verkehr geht, etc.. Somit also indirekt mit abstimmen. Vielleicht würde sich unsere Gesellschaft durch so ein Prinzip derart ändern, dass wir über mehr Steuern für Reiche gar nicht mehr nachdenken müssten? Also ja, im Moment fordern wir in Attac mehr Regulation durch den Staat, aber doch nur, weil wir eine repräsentative Demokratie haben. Hätten wir mehr Möglichkeiten der direkten Mitbestimmung bei einzelnen Themen, könnten wir uns gar nicht mehr an den Staat mit unseren Forderungen wenden sondern müssten ausschliesslich die Mitbürger gewinnen.
    In diesem Sinne – nicht jede Kritik an der Allmacht des Staates bzw. Forderung der Minimierung desselben ist in meinen Augen falsch.

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