von Thomas Sablowski

Von Karl Marx, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wurde, lässt sich lernen, dass konsequente Globalisierungskritik, wenn sie die gesellschaftlichen Probleme an der Wurzel packen will, zur Kapitalismuskritik führen muss. Gesellschaftliche und politische Entwicklungen werden, so die Einsicht von Marx, wesentlich bestimmt durch die Art und Weise, wie Gesellschaften sich reproduzieren, wie sie ihre Lebensmittel produzieren. Die Gesellschaft, in der wir leben, wird durch die kapitalistische Produktionsweise beherrscht. Kapitalistische Produktion ist verallgemeinerte Warenproduktion, d.h. der Großteil der Arbeitsprodukte wird für den Austausch produziert. Die Eigentümer der Produktionsmittel entscheiden privat darüber, was produziert wird und wie es produziert wird. Ihr Ziel ist es, aus Geld mehr Geld zu machen, ihr Kapital zu verwerten. Die Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse ist dabei nur Mittel zum Zweck der Kapitalverwertung. Die Kapitalisten sind bei Strafe des Untergangs durch die Konkurrenz gezwungen, die Profitabilität des Kapitals zu maximieren, d.h. die Ausbeutung der von ihnen beschäftigten Arbeitskräfte zu steigern. Der gesamte Prozess der kapitalistischen Produktion ist ein Prozess des Klassenkampfs: Die Kapitaleigner streben danach, die Arbeitszeit zu verlängern, die Löhne zu senken, Arbeiter durch Maschinen zu ersetzen, sofern sich damit eine Kostensenkung erreichen lässt. 

Durch die fortwährende Umwälzung der Produktionstechnologien steigt die Produktivkraft der Arbeit in einem Maße, wie es vor dem Kapitalismus völlig unbekannt war. Die gleiche Warenmenge kann mit immer geringerem Arbeitseinsatz produziert werden, bzw. mit dem gleichen Arbeitseinsatz wird eine immer größere Warenmenge produziert. Doch die hohe Produktivität wird nur in geringem Maße zur Arbeitszeitverkürzung genutzt. Vielmehr führt die kapitalistische Ausbeutung in der großen Industrie dazu, dass Arbeit ungeheuer intensiviert wird und die Arbeitskraft bis ins Mark ausgepresst wird, während gleichzeitig ein Heer von Erwerbslosen existiert, deren Fähigkeiten nicht genutzt werden können und die am Hungertuch nagen. „In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine“, er wird zu ihrem Anhängsel (MEW 23, 445). Marx zeigt, dass die kapitalistische Produktionsweise nicht nur sozial, sondern auch ökologisch zerstörerisch wirkt. An einer Stelle fasst er in seinem Hauptwerk Das Kapital zusammen: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ (MEW 23, 530). 

Ein großer Teil des in der Produktion von den Arbeitern geschaffenen und von den Kapitalisten angeeigneten Mehrwerts wird nicht individuell konsumiert, sondern reinvestiert. Die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit und die Akkumulation des Kapitals, seine erweiterte Reproduktion führen zur ständigen Steigerung der Produktionskapazität. Diese zwingt die Kapitalisten dazu, ständig neue Rohstoffquellen und neue Absatzmärkte zu erschließen. Durch die Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise werden die unterlegenen vorkapitalistischen Produktionsformen sukzessive zerstört. Bereits 1848 schrieb Marx zusammen mit seinem Freund Friedrich Engels im Manifest der Kommunistischen Partei: „Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander“ (MEW 4, 465f). Im ersten Rohentwurf zu seiner Kritik der der politischen Ökonomie notierte Marx: „Die Tendenz den Weltmarkt zu schaffen ist unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben. Jede Grenze erscheint als zu überwindende Schranke“ (MEW 42, 321).

Im Rahmen seiner Analyse der kapitalistischen Produktionsweise plante Marx ursprünglich auch Bücher über den Staat, den Außenhandel und den Weltmarkt, die er jedoch nicht realisieren konnte. Die Darstellung der Kritik der politischen Ökonomie sollte mit der Analyse der Ware als der „Elementarform“ des Reichtums der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, beginnen (vgl. MEW 23, 49) und dann sukzessive vom Abstrakten zum Konkreten sowie vom Einfachen zum Komplexen übergehen. Die Darstellung des Weltmarktes mit seinen verwickelten Verhältnissen sollte den Schlussstein seiner Kritik der politischen Ökonomie bilden. Die Analyse des Weltmarkts setzt die Analyse des Staates und des Außenhandels voraus, da der Weltmarkt kein homogener Raum ist, sondern sich eben aus den Nationalstaaten zusammensetzt. 

Die Konkurrenz innerhalb eines Staates unterscheidet sich von der Weltmarktkonkurrenz dadurch, dass innerhalb eines Staates eine spezifische Regulation der gesellschaftlichen Verhältnisse und weitgehend einheitliche Konkurrenzbedingungen existieren. Dazu gehören z.B. die Existenz einer einheitlichen Währung und vielfältige Bestimmungen, die die Reproduktion und Ausbeutung der Ware Arbeitskraft regeln und die Resultat des staatlichen Kompromissgleichgewichts sind, das sich aus den Kämpfen der sozialen Klassen und Klassenfraktionen ergibt. Zwischen den Staaten existieren diese einheitlichen Bedingungen nicht oder nur in geringem Maße. Die Gesetzmäßigkeiten, die den Austausch innerhalb eines Staates bestimmen, werden somit im internationalen Verkehr modifiziert. Innerhalb eines Landes verdrängen beispielsweise Produzenten mit höherer Arbeitsproduktivität jene mit niedrigerer Arbeitsproduktivität, weil sie niedrigere Preise anbieten können. Im internationalen Austausch führen dagegen Produktivitätsunterschiede zwischen Ländern dazu, dass in dem Land mit höherer Arbeitsproduktivität die Währung aufgewertet wird und in dem Land mit niedrigerer Arbeitsproduktivität die Währung abgewertet wird. Dadurch werden die Konkurrenzvorteile, die sich aus der höheren Arbeitsproduktivität ergeben, teilweise zunichte gemacht, und schwächere Produzenten werden bis zu einem gewissen Grad geschützt. 

Der Weltmarkt ist allerdings auch mehr als die bloße Summe seiner Teile, mehr als die Addition der Nationalstaaten. Der Weltmarkt ist „nicht nur der innre Markt im Verhältnis zu allen außer ihm existierenden foreign markets, sondern zugleich der innre [Markt] aller foreign markets als wieder Bestandteile des home market“ (MEW 42, 206). Mit anderen Worten: Jeder nationale Binnenmarkt wird auch durch die Entwicklungen auf allen anderen äußeren Märkten bestimmt; die Verhältnisse in allen anderen Staaten werden so Teil der Verhältnisse im Inneren eines Staates. Der Weltmarkt repräsentiert somit, wie Marx es ausdrückte, das „Übergreifen der bürgerlichen Gesellschaft über den Staat“ (MEW 42, 188). Die nationale Souveränität ist insofern immer begrenzt, weil die Entwicklungen in einem Lande von den Entwicklungen in allen anderen Ländern abhängig sind. 

Durch diese allseitige Abhängigkeit erscheint der Weltmarkt den Akteuren in einem Lande mitunter als eine fremde Macht; allerlei Missstände werden dann auf den Weltmarkt, auf die Globalisierung zurückgeführt, während der Staat potentiell als Ordnung stiftende Macht erscheint, die Harmonie gewährleisten könne. Daraus resultieren dann auch protektionistische Positionen. Die andere Seite der Medaille sind (neo-)liberale Positionen, die davon ausgehen, dass der ungehinderte Warentausch und die internationale Arbeitsteilung zu harmonischen globalen Verhältnissen führen würden, wenn nur die Staaten nicht intervenieren würden. Marx hat in einem Manuskript über die Ökonomen Frédéric Bastiat und Henry Carey beide Positionen kritisiert (vgl. MEW 42, 3ff). Diejenigen, die wie der Protektionist Carey die Verwerfungen der kapitalistischen Produktion nur auf den Weltmarkt zurückführen und glauben, dass im nationalen Rahmen alles harmonisch zugehen könne, erkennen die grundlegenden Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise nicht, sondern ordnen die daraus resultierenden Probleme nur bestimmten Erscheinungsformen des Kapitals zu. Diese Kritik scheint gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Welle des autoritären Populismus und des reaktionären Nationalkonservatismus aktuell. Auf der anderen Seite sind Freihändler wie Bastiat ebenso zu kritisieren, die behaupten, staatliche Eingriffe würden eine ansonsten harmonische Marktwirtschaft aus dem Gleichgewicht bringen. Letztlich erweisen sich sowohl der Protektionist Carey als auch der Freihändler Bastiat als Apologeten der kapitalistischen Produktion, weil sie von den grundlegenden Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise ablenken und nur spezifische kapitalistische Interessen vertreten. 

Obwohl Marx sowohl die Ideologie des Freihandels als auch die Ideologie des Protektionismus kritisierte, plädierte er in der Auseinandersetzung um den Freihandel in den 1840er Jahren in England dafür, dass die Arbeiterklasse dessen Verfechter unterstützen möge. Das mag aus der heutigen Perspektive des Widerstands gegen Freihandels- und Investitionsschutzabkommen wie CETA oder TTIP zunächst irritieren. In England setzten sich damals die Fabrikanten für die Abschaffung von Getreidezöllen ein, während die Großgrundbesitzer für deren Beibehaltung kämpften. Die Großgrundbesitzer fürchteten billige Getreideimporte, die ihre eigene Stellung unterminieren würden. Die Fabrikanten hofften dagegen, dass billige Getreideimporte es erlauben würden, die Löhne der Arbeiter zu senken. Obwohl Marx die zerstörerischen Auswirkungen des Freihandels ausführlich thematisierte, unterstützte er die Freihändler, weil er in der Industriebourgeoisie gegenüber der Grundbesitzeraristokratie die fortschrittlichere Kraft sah. So schloss er eine Rede über die Frage des Freihandels mit der Bemerkung: „Aber im allgemeinen ist heute das Schutzzollsystem konservativ, während das Freihandelssystem zerstörend wirkt. Es zersetzt die bisherigen Nationalitäten und treibt den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie auf die Spitze. Mit einem Wort, das System der Handelsfreiheit beschleunigt die soziale Revolution. Und nur in diesem revolutionären Sinne […] stimme ich für den Freihandel“ (MEW 4, 457f). 

Die Arbeiterklasse wird, so die Erwartung von Marx, sich längerfristig nicht auf den Kampf um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen beschränken, sondern sich ganz von der kapitalistischen Ausbeutung und Herrschaft befreien. Aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess hat sie nicht nur die Macht, temporär durch Streik die Kapitalverwertung zu unterbrechen, sondern auch die Möglichkeit, sich die Produktionsmittel anzueignen, eine freie Assoziation der Produzenten zu schaffen, zu einer neuen, kommunistischen Produktionsweise überzugehen, die nicht mehr am Profit, sondern an den gesellschaftlichen Bedürfnissen orientiert ist. Die demokratische Planung der Produktion erlaubt dann auch die direkte Verteilung der Arbeitsprodukte: Sie nehmen nicht mehr die Form von Waren an und werden demzufolge auch nicht mehr gegen Geld ausgetauscht.  

In einem frühen Manuskript formulierten Marx und Engels, dass der Kommunismus „empirisch nur als die Tat der herrschenden Völker ‚auf einmal‘ und gleichzeitig möglich“ sei, „was die universelle Entwicklung der Produktivkraft und den mit ihm zusammenhängenden Weltverkehr voraussetzt“ (MEW 3, 35). Allerdings verlaufen die Klassenkämpfe und die Entwicklungen in den einzelnen Nationalstaaten ungleichzeitig. Im Manifest der kommunistischen Partei schreiben Marx und Engels: „Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muß natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden“ (MEW 4, 473). 

Das Problem der Spaltung des Proletariats durch Nationalismus und Rassismus war Marx bewusst. Im Kapital schrieb er: „Die Arbeit in weißer Haut kann sich nicht dort emanzipieren, wo sie in schwarzer Haut gebrandmarkt wird“ (MEW 23, 318). Die Überwindung des kolonialen, imperialistischen Verhältnisses zwischen England und Irland sah Marx beispielsweise als Voraussetzung für die Emanzipation der englischen Arbeiterklasse, denn nach seiner Analyse führte die englische Herrschaft über Irland dort zur Zerstörung der Lebensgrundlagen der Bauern und damit zur massenhaften Emigration der Iren. Die irischen Immigranten konkurrierten in England mit den einheimischen Arbeitern, so dass deren Löhne nach unten gedrückt wurden. Den englischen Arbeitern müsse klargemacht werden, so Marx, dass die nationale Unabhängigkeit Irlands die Voraussetzung für ihre eigene Befreiung sei (MEW 32, 665ff). Auch diese Positionen von Marx sind hochaktuell, wenn man an die heutigen imperialistischen Verhältnisse und die Diskussionen um eine Begrenzung der Immigration und die Abwehr von Flüchtlingen in Deutschland und der EU denkt. 

Auch wenn die Marxsche Theorie der kapitalistischen Produktionsweise unvollendet geblieben ist, so ist sie doch unverzichtbar, um die gegenwärtige Welt mit all ihren Konflikten zu begreifen. Es gilt, die Marxschen Begriffe anzuwenden, um jeweils die konkrete Situation zu analysieren und auf dieser Basis adäquate politische Strategien und Taktiken im Kampf gegen Ausbeutung, Herrschaft und Naturzerstörung zu entwickeln. 


-- Diesen Beitrag als PDF Herunterladen --