Eine kurze Betrachtung zu Perspektive und Strategie gesellschaftlicher Veränderung aus systemtheoretischer Sicht. Es geht nicht um eine umfassende Darstellung, beleuchtet wird ein grundsätzlicher Aspekt. Mein Beitrag will auch keine fertige Antwort geben, sondern vielmehr aufmerksam machen und zur Diskussion anregen.

Wenn wir von menschlichen Gemeinwesen sprechen, ob es die große Gesellschaft ist oder auch kleinere Gruppen wie z.B. Attac, sprechen wir immer über Systeme, ob uns das bewußt ist oder nicht. Es gibt verschiedenartige Systeme. Technische Systeme sind ihrem Zweck nach linear organisiert, d.h. in eindeutigen, schlüssigen Wirkungsketten. Ein Befehl, ein Hebel oder Schalter sollte stets zu einem eindeutig definierten Ergebnis führen. Fällt aber ein Teil aus – z.B. der Vergaser in einem Verbrennungsmotor -, funktioniert das System nicht mehr. Sind Menschen oder allgemein Lebewesen in dem System integriert, wird es zunehmend unbestimmt. Es ist insgesamt verläßlich, relativ stabil, en détail aber nicht sicher vorhersagbar. Dafür funktioniert es auch weiter, wenn einzelne Teile ausfallen oder plötzlich anders funktionieren. Ingenieure interessieren sich für technische Systeme, was uns interessiert und wovon die Rede sein soll, sind lebendige, unbestimmte Systeme.

Viele Menschen, denen ich bei Attac begegne, und die die Welt – sprich die Gesellschaft – verändern wollen, träumen gleichwohl von dem großen Hebel, den es irgendwo geben und der der Schlüssel zum Erfolg sein soll. Das ist leider eine Illusion. Auch stark wirksame Instrumente wie Gesetze/Sanktionen, Repression/Gewalt oder Geld (wirtschaftliche Anreize und Zwänge) in den Händen derer, die über sie verfügen, sind allein nicht in der Lage, Gesellschaft nachhaltig umzusteuern. Gesetze beispielweise haben in einer Demokratie grundsätzlich a priori eine Mehrheit, die nicht erst dazu gebracht werden muß, sie zu befolgen. Aber auch in der verbliebenen Minderheit gibt es einen breiten Metakonsens, die demokratischen Spielregeln zu befolgen (vorausgesetzt, auch die anderen tun es). Der Rest, der wirklich gezwungen werden muß, die Regeln zu befolgen, ist eine kleine Minderheit, doch immer bleiben einige, die sich einfach nicht zwingen lassen. Verschiebt sich die Gesellschaft in Richtung Plutokratie, entwickeln sich intransparentere Wirkungsmechanismen, aber niemals sind es die Gesetze allein, die Veränderungen erzwingen.

Aus dem grundsätzlichen Verständnis von Systemen kann man die Frage mit einem einzigen Satz beantworten: So sehr man sich auch um ihre Kontrolle und Beherrschung bemüht, bleibt Gesellschaft immer ein unbestimmtes System, das solch einem großen Hebel oder einer wie auch immer gebündelt ansetzenden Kraft keinen entsprechend kraftschlüssigen Widerstand als Ansatz bietet. Man kann sich das vielleicht konkreter oder bildhafter vorstellen, wenn man an ein sehr großes Wasserbecken denkt, vielleicht einen Stausee, dessen Inhalt man auch nicht insgesamt in die beabsichtigte Bewegung bringen kann, indem man das Wasser mit der Hand oder einem Paddel in eine Richtung schiebt. Wenn aber rundherum viele Menschen stehen, die das Wasser vor ihnen in eine gleiche Richtung schieben, wird sich allmählich eine Wasserwalze aufbauen. Mit einem einzigen Hebel, der mag noch so stark sein, geht das nicht.

Deshalb braucht die Gesellschaft Bewegungen, die wachsen und Bewegung erzeugen. Deshalb ist der Bewegungscharakter und die Vielfalt in Attac so wertvoll. Es wäre ein Irrtum, sie als Gegenpol zur gewünschten Wirksamkeit anzusehen. Zugleich braucht es aber eine gemeinsame Orientierung – um in dem Bild zu bleiben, eine gemeinsame, durchgängige Richtung -, in die wir das bewegen, was gerade vor uns ist, wo wir gerade anpacken. Wir sollten also verstehen, wie diese Vielfalt, die Themen, an denen wir arbeiten, zusammenhängen und uns auf eine Orientierung verständigen.

Nun ist es aber ja nicht so, daß die Gesellschaft überhaupt nicht in Bewegung ist. Es gibt einen öffentlichen Diskurs – im Wesentlichen getragen von den Medien – der diese Bewegung treibt und lenkt. Wenn wir mehr erreichen wollen, als nur einzelnen Projekten Widerstand entgegenzusetzen, sollten wir auf möglichst breiter Fläche in diesen Diskurs eingreifen. Hier können dann die Einzelaktionen vielleicht nicht so stark und weithin sichtbar sein, das Produkt aus Summe und Verteilung sollte aber insgesamt wirksamer sein.

Der öffentliche Diskurs gliedert sich in etwa in folgende Themenbereiche:

  • Politik und Demokratie
  • Wirtschaft
  • Soziales
  • Kriege und Konflikte
  • Bildung und Wissenschaft
  • Kultur und Sport
  • “Gesellschaft”
  • Freizeit, Lifestyle, Privates
  • Ökologie
  • Psychologie
  • Gesellschaftssystem und Gesellschaftskritik

Es wäre sicher sinnvoll, unsere Kritik, d.h. die Infragestellung und Umsteuerung in eben dieser Weise zu gliedern, um in diesen Diskurs konkret eingreifen zu können:

Die politische Frage: geeignete Strukturen, Rechtswesen

– Welche Strukturen fördern die auf all diese Fragen gefundenen Antworten und ermöglichen zugleich die weitere Entwicklung und Veränderung?

Die demokratische Frage: Freiheit und Macht

– Wer bestimmt über was, wie minimieren wir Fremdbestimmung?

Die ökonomische Frage: Organisation und Umgang mit Ressourcen

– Wie organisieren wir den Bedarf und die Arbeit, welches Verhältnis haben wir zu dem, was wir “von außen” benötigen?

Die soziale Frage*: Teilhabe, Kommunikation und Zusammenarbeit

– Was ist privat und was wird geteilt und wie wird es das?

Die Frage von Krieg und Frieden: Gerechtigkeit, Ausgleich, Koexistenz von Gegensätzen

– Wie halten wir uns in Konflikten, wie beenden wir die Logik der Gewalt?

Die Bildungsfrage: Die Bedeutung von Wissen/Erfahrungen

– Wie erwerben und teilen wir Wissen, Erfahrungen und Fähigkeiten und wie gestalten diese unsere gesellschaftlichen Beziehungen?

Die kulturelle Frage: Werte und Ausdrucksformen

– Was hält uns und was bewegt uns gemeinsam und wie teilen wir es?

Die gesellschaftliche Frage*: Der Stellenwert der Individuen und ihre Beziehungen

– Wie wirkt sich die tatsächliche Ungleichheit der Menschen auf ihre Beziehungen aus, gestalten sie sich hierarchisch, komplementär, fördernd, ausgleichend?

Die private Frage: Das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft

– Was schützt und was begrenzt den Freiheitsraum des Einzelnen und wo verlaufen die Grenzen?

Die ökologische Frage: Grundbedingungen der (Ko)Existenz

– Was verstehen wir vom System der Biosphäre, was ist unser Beitrag, was müssen wir respektieren und was können wir bereichern?

Die psychosoziale Frage: Motivation und Interaktion

– Wie funktioniert der innere “Verstärker”, was erzeugt Zustimmung, was Ablehnung, wie entstehen Aktion und Reaktion und wie lassen sie sich gestalten?

Die Systemfrage: Themenübergreifende Zusammenhänge und Wechselwirkungen

– Wie hängen all diese Fragen und Antworten zusammen, gibt es eine Idee, ein Prinzip, ein Schema, das in allen enthalten ist?

Die Frage der Kritik: Unvollkommenheit und Veränderung

– Wo hat all das einen Platz, das in dieser Systematik nicht paßt, das wir nicht sehen, kennen oder verstehen – oder das wir ablehnen?

Dabei stellt sich dann heraus, daß die Intervention von Attac in den gesellschaftlichen Diskurs sich im Wesentlichen auf die politische Frage beschränkt und die anderen Fragen vor allem insoweit berührt, als sie politische Strukturen direkt tangieren. In der Beschränkung auf diese eine Frage, diesen einen Ansatzpunkt, der alles bewegen soll, schimmert er wieder hindurch, der Traum von dem “großen Hebel”, der nichts anderes ist, als der Traum von der Macht, der “guten” oder zumindest der eigenen Herrschaft. Nein, das ist natürlich ungerecht, Attac pauschal ein herrschaftsförmiges Denken zu unterstellen. Dennoch, eines unser Hauptanliegen ist z.B. die ökonomische Alphabetisierung, aber die Arbeitsgruppe Solidarische Ökonomie, die sich dem Kernbereich einer (zu entwickelnden) alternativen Wirtschaft zuwendet, steht innerhalb Attac D eher am Rand. Die AG Genug für Alle, die zwar eine komplexere Vorstellung von Gesellschaft entwickelt hat, verfolgt ausschließlich einen Strukturvorschlag (der dann alles weitere bewirken soll?). Jetzt bildet sich eine AG Kultur, die sich aber vermutlich weniger mit den systemgestaltenden Aspekten von Kultur beschäftigen wird(?). Es wäre sicher ein vollzogener Fortschritt bei Attac, wenn es zu jeder der oben genannten Fragen eine eigene AG gäbe, die sich mit genau diesen Aspekten beschäftigte und den gesellschaftlichen Diskurs auf diese Weise mitgestaltete.

Häufig taucht die Forderung auf: “dazu muß sich Attac doch zu Wort melden, was ist Attac wert, wenn es dazu nicht Position bezieht?” Und häufig sehen wir uns überfordert, im Takt der Ereignisse geeignete Antworten zu produzieren, denn gute Antworten brauchen Zeit und, bevor sie in der Gesellschaft diskutiert werden können, müssen sie erst die Hürde des internen Konsenses nehmen. Vielleicht aber müssen wir gar nicht immer die Antworten geben. Statt Forderungen zu stellen, die zum Einlenken zwingen sollen, aber meist viel eher Widerstand und Abwehr erzeugen, wäre es vielleicht klüger, überall mit den richtigen Fragen präsent zu sein, Fragen, die es nicht zulassen, daß so viele Antworten als alternativlos präsentiert werden. Fragen, denen man nicht ausweichen kann, weil man dort stets auf weitere, präsente Fragen stoßen würde. Fragen, die, wenn sie sich ausbreiten und lauter werden, irgendwann die Antworten nach sich ziehen werden. Antworten, die den Vorteil haben, daß sie – wenn auch vielleicht kompromißbehaftet – die Hürde zum gesellschaftlichen Konsens schon halb genommen haben.

Die Fragensystematik ist so grundsätzlich gehalten, daß sie auch Systemalternativen und also jedes menschliche Gemeinwesen spiegeln kann. Damit läßt sich der Diskurs auch beziehen auf die Entwicklung von Attac selbst. “Inhaltliche” und “Struktur”debatten könnten, ja müßten sinnvollerweise zusammengeführt werden. Meine Idee ist, daß genau das die Bewegung Attac stärken, für (innere) Dynamik und (äußere) Attraktivität sorgen würde. Sich selbst in Bewegung versetzen, ist für Bewegungen überlebenswichtig.

 

 

*) sozial und gesellschaftlich sind von der Herkunft her dasselbe, der Sozius ist der Geselle oder Gesellschafter. Mit “Gesellschaft” assoziieren wir aber eher das zusammenhängende Ganze, während “sozial” eher die individuellen Bezüge mit in den Blick nimmt. Dagegen rubrizieren wir unter “Soziales” Sozialleistungen und -versicherungen, die Bildung gesellschaftlicher Schichten sowie die Trennung in arm und reich, während unter “Gesellschaft” in entsprechenden Magazinen und Klatschspalten die Ungleichwertigkeit der Individuen zelebriert wird. Die Benennung und Zuordnung bleibt so oder so etwas unbefriedigend.


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