von: Armin Bernhard

Kritische Friedenspädagogik bezeichnet die Theorie und Praxis einer pädagogischen Friedensarbeit, die das System gesellschaftlicher Friedlosigkeit inklusive der in ihm enthaltenen kriegerischen Auseinandersetzungen einer radikalen Kritik unterzieht. Friedlosigkeit als ein strukturell in den gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsbedingungen verankertes Phänomen reicht von den Gewaltverhältnissen einer Gesellschaft über Droh- und Abschreckungspolitik bis hin zum Krieg. Eine der zentralen Aufgaben kritischer Friedenspädagogik besteht darin, die Ursachen gesellschaftlicher Friedlosigkeit aufzudecken und ihre Organisatoren und Profiteure zu identifizieren. Der Dechiffrierung von Feindbildern kommt hierbei insofern eine herausragende Bedeutung zu, als sie systematisch als ideologische Mittel eingesetzt werden, um eine aggressive Droh- und Abschreckungspolitik zu legitimieren.

Die gegenwärtigen Eigenschaftsattribuierungen gegenüber Rußland eignen sich in besonderer Weise für die exemplarische Darlegung der Aufgabe einer Ideologiekritik von Feindbildern. In der Friedenspädagogik der 1970er Jahre ist die Auseinandersetzung mit Feindbildern von der Politischen Psychologie bereits als zentrales Aufgabengebiet ausgewiesen. Eine unvoreingenommene Wahrnehmung der Wirklichkeit wird durch internalisierte Feindbilder als spezifischer Form von Vorurteilen erheblich eingeschränkt, indem diese die Realität durch einen „Selektionsfilter“ vorstrukturieren (Nicklas/Ostermann 1973, S. 325-326). Im Gegensatz zu Vorurteilen enthalten Feindbilder ausschließlich negative Eigenschaftsattribuierungen, „ein diffuses Bündel von Vorstellungen […], die nicht logisch miteinander verbunden sind, sondern nur einen assoziativen Zusammenhang haben.“ (Nicklas/Lißmann/Ostermann 1975, S. 40) Die Zuschreibung von Merkmalen, die den ‚Feind‘ vermeintlich auszeichnen, erfolgt ohne Rückgriff auf begründete Erfahrungen, sie ist willkürlicher Natur. Die durch den Selektionsfilter des Feindbildes bedingte, selektive Wahrnehmung der Realität wurzelt nicht etwa in intellektuellen Defiziten der Menschen, sondern in gesellschaftlichen Bedingungen und Sozialisationsverhältnissen, in denen die Anfälligkeit für Feindbilder generiert werden. Feindbilder repräsentieren ideologische „Wahrnehmungsmuster“, die Teil kultureller Hegemonie (Gramsci) sind. Mächtige gesellschaftliche Gruppierungen nutzen historisch bereits bestehende Feindbilder oder schaffen neue und bringen sie in Zirkulation, um ihre Interessen hinter ihnen zu verbergen und zugleich durchzusetzen. Feindbilder legitimieren das System gesellschaftlicher Friedlosigkeit im Interesse dominanter Gesellschaftsgruppen.

Rußland dürfte momentan neben dem Islam das prominenteste, vielleicht sogar das wichtigere Feindbild der so genannten westlichen Gesellschaften sein. Ressentiments gegenüber Rußland wurden intensiv in der Spätphase des Deutschen Kaiserreichs im Rahmen seiner imperialistischen Politik aufgebaut und durch den Ersten Weltkrieg erheblich verschärft. Schließlich ging es in diesem u. a. um die Sicherung der ökonomischen Vorherrschaft des Deutschen Reiches in Europa und um die geostrategische Schwächung der Großmacht Rußland. Unter der faschistischen Herrschaft in Deutschland wurde dieses Feindbild von ‚den Russen‘ zusätzlich in rassistischer Weise aufgeladen, um den Expansionskrieg um die Erweiterung des Wirtschaftsraumes nach Osteuropa ideologisch zu rechtfertigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es nicht etwa zu einer Erosion dieses Feindbildes. Schon die Tatsache, dass die Rote Armee im Bewusstsein der Westdeutschen kaum als Befreier von der Nazi-Diktatur wahrgenommen wurde, zeugt von der Kontinuität dieses Feindbildes in der kulturellen Hegemonie der Herrschaftsformation über den Zweiten Weltkrieg hinaus. Im Zuge des Kalten Krieges und der Einbindung Westdeutschlands in das „westliche“ Militärbündnis wurde die Angst vor Rußland im Rahmen der antikommunistischen Strategien der USA und Westeuropas erneut kräftig geschürt. Benötigt wurde ein Feind, der Investitionen in die Militärapparate zu legitimieren in der Lage war und die Überlegenheit der eigenen Wirtschafts- und Lebensweise gegenüber dem real existierenden Sozialismus demonstrieren sollte. Er bildete, wie Herbert Marcuse Ende der 1960er Jahre lakonisch bemerkte, den „Feind, der hätte erfunden werden müssen, wenn er nicht schon vorhanden gewesen wäre“ (Marcuse 1980, S. 124). Das antikommunistische Feindbild, in dem die Angst vor dem russischen Bären in den Katakomben nicht nur der deutschen Volksseele virulent gehalten wurde, konnte nach einer kurzen Unterbrechung des Kalten Krieges wiederbelebt und problemlos auf das gegenwärtige Rußland gelenkt werden – ungeachtet der Tatsache, dass dieses Land inzwischen in ein kapitalistisches System zurückverwandelt worden war.

Polemische und propagandistische Kommuniqués beherrschen die kulturindustriell angelegten öffentlich-rechtlichen und privaten Medien in Sachen Rußland. Pauschale negative Etikettierungen sollen die Entfaltung eines differenzierten öffentlichen Bewusstseins verhindern. Die Schärfe der Polemik gegenüber denjenigen, die das Feindbild Rußland nicht umstandslos zu übernehmen bereit sind, verweist bereits auf dessen unwahre Basis. Die „extensive Feindpropaganda“ (Bittner 2014, S. 14) reicht von der Unterstellung eines aggressiven Expansionsdrangs Rußlands bis hin zur Dämonisierung seines Präsidenten, einer beliebten Variante des Feindbildeinsatzes. Diese Anwürfe setzten lange vor dem Beitritt der Krim zur Russischen Föderation ein, der selbstverständlich als zusätzlicher Anlass für die Feindbildvertiefung intensivst genutzt wurde. Die Feindbildrhetorik erhielt im Zusammenhang des Ukraine-Konfliktes eine Schärfe, die böse Erinnerungen an den ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan aufkommen ließ, der 1983 die Sowjetunion als „Evil empire” bezeichnet hatte.

Feindbilder beruhen auf simplifizierenden Behauptungen, die der Komplexität eines Sachverhaltes nicht gerecht werden sollen. Wenn Feindbilder nur eine selektive Wahrnehmung auf die Wirklichkeit zulassen, und wenn diese selektive Wahrnehmung politisch gelenkt ist, müssen sich Interessen identifizieren lassen, die sich hinter der Wiederbelebung dieses Feindbildes verbergen. Friedenspolitische Bildungsarbeit besteht in der Rückführung von Feindbildern auf ihren gesellschaftlichen Grundgehalt, auf diejenigen Interessen, die mittels der Aufbereitung von Feindbildern durchgesetzt werden sollen. Ansatzpunkt ist die Differenz zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung dieser Wirklichkeit, auf dem der Versuch anhebt, diese Differenz zu verringern. Im Hinblick auf das Feindbild Rußland genügt bereits ein Blick auf die geographische Weltkarte, um die These vom russischen Expansionsdrang zu widerlegen. Zudem hilft dieser Blick, die Behauptung des ‚Westens‘ vom „territorialen Hunger“ Rußlands (Steinmeier) als Form einer kollektiven Projektion kenntlich zu machen, als eine Übertragung der aggressiven Motive und Eigenschaften der USA und der EU auf die Russische Föderation. Was der ‘Westen’ an sich selbst verleugnen muss – die permanente geostrategische Vorwärtsbewegung der NATO – wird dem ‘finsteren’ Land im Osten zugeschrieben.

Grundlegender jedoch für die friedenspädagogische Arbeit ist es, der Frage nachzugehen, welchen Interessen die gezielte „Fehlwahrnehmung“ der russischen Intentionen (Krone- Schmalz 2015, S. 158) dient. Eine Antwort kann die friedenspolitische Bildungsarbeit nur aus dem Kontext wachsender innerkapitalistischer Interessenkonflikte heraus entwickeln. Denn die besagte kollektive Projektion hat ihren Grund eben nicht im ‚Verhalten‘ Rußlands, sondern in konkreten Produktions- und Reproduktionsbedingungen nationaler Gesellschaften bzw. von Gesellschaftsblöcken in einer fast gänzlich kapitalistisch strukturierten Weltökonomie. Die Annäherung zwischen Europäischer Union und Rußland nach dem zu früh verkündeten Ende des Kalten Krieges und die Vision der Schaffung eines gemeinsamen eurasischen Wirtschaftsraumes, von Putin mehrfach angeboten, mussten in den USA auf Ablehnung stoßen, die hierdurch ihre geo- und wirtschaftspolitischen Interessen in Eurasien gefährdet sahen. Zahlreichen Stellungnahmen aus US- amerikanischen Denkfabriken ist das globale geostrategische Motiv der USA zu entnehmen, eine Kooperation zwischen Europäischer Union und Russischer Föderation, insbesondere aber auch zwischen Deutschland und Rußland um jeden Preis zu verhindern. Dass die USA fünf Milliarden Dollar in den Regime change in der Ukraine investierten, untermauert diese Absicht. Schließlich geht es den USA im Rahmen ihrer Globalstrategie darum, die Wege zu (verknappten) Rohstoffen und Absatzmärkten in Asien offenzuhalten und sie im eigenen Interesse kontrollieren zu können. Bestrebungen innerhalb der Europäischen Union (“Renaissance des Westens”) zur Verstärkung des transatlantischen Bündnisses zum Zwecke der Herstellung einer globalen Hegemonie des ‚westlichen‘ liberalen Gesellschaftsmodells flankieren diese Geopolitik.

Aus dieser Gemengelage innerkapitalistischer Konkurrenz muss die Reaktualisierung des Feindbildes Rußland verstanden werden. Es lenkt nicht nur von denjenigen Interessen ab, die die Sicherheits- und Außenpolitik der ‚westlichen‘ Staaten tatsächlich anleiten, sondern bietet darüber hinaus eine Projektionsfläche für die Bevölkerung, deren zumindest passiver Konsens in dieser Politik hergestellt werden soll.

Feindbilder stellen herausragende Bildungsinhalte für die Initiierung eines politischen Bewusstseinsbildungsprozesses dar, der die Fähigkeit zur Selbstreflexion stärkt. Abgesehen von der notwendigen Aufdeckung der gesellschaftlichen Funktion von Feindbildern, ihrer Ideologiekritik, kann deren Rückwendung auf den eigenen Sozialverband und uns selbst als in ihm handelnde Menschen psychisch-intellektuelle Kräfte mobilisieren, die das Denken und Handeln von Feindbildern und damit von der Ideologie der Hegemonieapparate unabhängig machen. Feindbilder sagen mehr über den aus, der es in Zirkulation bringt, als über den, dem es zugeordnet wird. Die Selbstreflexion zu stärken bedeutet auch, an uns selbst die Ergriffenheit durch das gesellschaftlich präsentierte Feindbild wahrzunehmen, den Gründen nachzugehen, warum wir dieses Feindbild überhaupt benötigen, zu überprüfen, inwieweit die in diesem Feindbild enthaltenen Zuschreibungen nicht lediglich unreflektierte oder unbewusste Übertragungen von Eigenschaften der eigenen Sozietät auf andere Gesellschaften darstellen. In dem Maße, wie Feindbilder als Form kollektiver Projektion entlarvt werden können, die eine gesellschaftliche Funktion zu erfüllen hat, kann eine Befreiung von einem spezifischen ideologischen Unfriedenspotenzial stattfinden, das Menschen an der Entfaltung ihres vernünftigen Subjektvermögens und damit einer kritisch- humanen Rationalität hindert. Insofern bietet die hier kritisierte Feindbildkonstruktion ein exzellentes, wiewohl bislang ungenutztes Lernfeld für die friedenspolitische Bildungsarbeit, um die Grundprämissen ‚westlicher‘ Außenpolitik radikal gegen den Strich zu bürsten und damit den „Geist der Abspaltung” (Gramsci 1991, S. 374) von der bestehenden kulturellen Hegemonie voranzutreiben.

 

Armin Bernhard ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von Attac.

 

Literatur:

Bittner, W.: Die Eroberung Europas durch die USA. Zur Krise in der Ukraine. Mainz 2014
Gramsci, A.: Gefängnishefte Band 2, Hamburg 1991
Krone-Schmalz, G.: Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens, München 2015 (12. Auflage)
Marcuse, H.: Versuch über die Befreiung, Frankfurt/Main 1980 (5. Auflage)
Nicklas, H./H.-J. Lißmann/Ä. Ostermann: Feindbilder in Schulbüchern, in: Friedensanalysen für Theorie und Praxis, Jg. 1, 1975, Nr. 1
Nicklas, H./Ä. Ostermann: Überlegungen zur Gewinnung friedensrelevanter Lernziele aus dem Stand der kritischen Friedensforschung, in: Wulf: Kritische Friedenserziehung, Frankfurt/Main 1973, S. 315-326


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