Der „Fortschritt“ marschiert ohne Rücksicht auf Verluste

Die ökologischen Grenzen des Planeten sind seit etwa Mitte der 1980er Jahre überschritten. Das bringt nicht nur das Klima aus dem Gleichgewicht, sondern droht durch die ständig steigende Übernutzung der gesamten Biokapazität der Erde unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu vernichten. Alle naturwissenschaftlichen Studien belegen das. Abbildung 1 zeigt die Prognosen von Meadows’ »Die Grenzen des Wachstums« von 1972 (gestrichelt) und die realen, 2013 nachgerechneten Werte (durchgezogene Linien).dm

Vergleich der Prognosen Meadows 1972 mit den realen Zahlen 2014

Abb. 1: Vergleich der Prognosen Meadows 1972 mit den realen Zahlen 2014

Gekoppelt mit sozialer Zerstörung, wird die Naturzerstörung an vielen Beispielen sichtbar und fühlbar – es seien hier nur einige von unzähligen genannt.

Durch die immer aggressivere Förderung von Rohstoffen jeder Art und die Abholzung der Regenwälder zwecks Anbau von Futter für die Fleischindustrie werden ganze Landschaften zerstört, Lebensräume für Menschen und Tiere, die nach kurzer Nutzung zu Mondlandschaften und Wüsten werden. Aber auch dort, wo Menschen aus ihren denaturierten Wohngebieten, wie den wachsenden Megastädten, in die Natur streben, um sich vom Stress der technisierten Lebensweise zu erholen, frisst sich die renditegetriebene Technik in eben diese Natur hinein, wie z.B. an den Küsten der Algarve und Andalusiens, und macht sie für eben diesen Zweck praktisch unbrauchbar. Denn diese Küsten bestehen nun fast nur noch aus Betonwüsten in Gestalt von Hotel- und Apartmentklötzen. Diese Technikwüsten werden dann bevölkert von Massen von Ferntouristen, die durch Massen von Flugzeugen dorthin transportiert werden und mit Massen von Mietautos herumfahren, für die z.B. die Insel Madeira wie ein Schweizer Käse mit Straßentunnel präpariert wurde.

In den Meeren treiben inzwischen ganze Kontinente von Plastikmüll in Gestalt kleinster Plastikteile, die zur Verrottung ca. 400 Jahre brauchen. Sie werden von den Tieren des Meeres aufgenommen, machen sie krank oder töten sie, und über diesen Umweg gelangen sie wieder in die menschliche Nahrung. Der Weg auf unsere Teller führt über immer größere Fangschiffe, die den Fischfang industrialisieren und dabei durch Schleppnetze und andere technische Vorrichtungen so viel Schaden anrichten, dass zunehmend fast alle Fischarten gefährdet sind (nach dem FSC-Siegel ist von den großen Meeresfischen nur noch das Vorkommen des Seelachses halbwegs intakt). Alle anderen Lebewesen im Meer, wie z.B. die Korallen und damit die Korallenriffe als Lebensraum, werden durch die Effekte der Klimakatastrophe mehr und mehr zerstört.

Der IT-Wahn führt dazu, dass ständig neue Geräte in den Markt gedrückt werden, das Aufkommen an IT-Geräten (meist reines Spielzeug) wächst nach wie vor mit zweistelligen jährlichen Raten. Der enorme Verbrauch an Energie, Wasser, »seltenen« Erden etc. für die Herstellung dieser Geräte und der Energieverbrauch des Internet (Server) steigen ebenso rapide; letzterer ist inzwischen höher als der des gesamten Flugverkehrs weltweit. Der »ökologische Rucksack«fsb eines Smartphone beträgt pro Kilogramm rund 490 kg Naturverbrauch – so sieht die vollmundig angekündigte »Dematerialisierung« durch IT aus. Genauso schlimm ist die Wirkung der Wegwerf-Produktion dieser Geräte (Vodafone: „Jedes Jahr ein neues Handy“): Der Elektronikschrott landet zu Zweidritteln (Zahl für das ordentliche Deutschland) illegal in Afrika oder China und wird dort auf der Suche nach Wertstoffen von um ihre frühere Existenz gebrachten Menschen durch Verbrennen, Zerschlagen etc. »entsorgt«. Die Müllkippen in diesen Ländern sind inzwischen Basis eines neuen »Geschäftsfeldes« für finanziell clevere Afrikaner, die ihre Verwertung organisieren. Während so also das Land vergiftet und unbrauchbar gemacht wird für alle anderen Zwecke, feiert der Kapitalismus auf dem Müll eine makabre Party des »freien Unternehmertums«.

Auch im Alltag, meist kaum wahrgenommen, sorgt die Technik dafür, dass Menschen sich von ihr abhängig machen, ihre Selbstbestimmung verlieren, aber auch ihre Fähigkeiten, das Leben ohne Technik zu meistern. Nicolas Carr beschreibt in seinem Aufsatz »Die Herrschaft der Maschinen«,nc dass Piloten, die fast nur noch mit automatisierten Systemen fliegen und Gefahrensituationen lediglich am Simulator üben, in realen kritischen Situationen versagen, weil sie die Grundfunktionen des Flugzeugs mangels praktischer Erfahrung nicht mehr beherrschen. Ähnlich sein Beispiel der Inuit: Die Fähigkeiten, sich in einer Schnee- und Eiswüste zu orientieren, wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Inzwischen verfügen die Inuit über GPS-Systeme – und verlieren eben diese Fähigkeiten. Bei Ausfall der Geräte sind jüngere Inuit nun orientierungslos. Die Konzerne planen, in unsere Alltagsgeräte Chips einzubauen, beispielsweise in den Kühlschrank, der uns das Fehlen von Produkten mitteilt und uns erinnert, sie wieder aufzufüllen. Das angeblich »intelligente« Haus, das selbständig z.B. für Schatten sorgt, das »Internet der Dinge« oder »Industrie 4.0« sind ein groß angelegtes Entmündigungsprogramm ‑ Manfred Spitzer spricht von „digitaler Demenz“.ms Auf dem Land gibt es inzwischen kaum noch Möglichkeiten, sich zu versorgen, wenn man nicht mit dem Auto zu den Einkaufszentren fahren kann, weil fast die gesamte dezentrale technische Infrastruktur durch diese Großtechnologien ersetzt wurde. Die Eigenversorgung durch Anbau von Nahrungsmitteln stirbt aus – die Menschen können nur noch kaufen. „Ich fürchte den Tag, an dem die Technologie die wichtigsten Elemente menschlicher Verhaltensweisen strukturiert. Die Welt wird nur noch aus einer Generation von Idioten bestehen“, sagte dazu Albert Einstein.

Die Verlagerung der Textil- und Lederindustrie und anderer Industrien mit hoher Gesundheits- und Umweltbelastung in Länder wie Bangladesh zeigt durch die dort herrschenden menschenverachtenden Arbeits- und Lebensbedingungen am deutlichsten den aggressiven Charakter der Fertigungstechniken. In der Lederindustrie z.B. werden Chromverbindungen benutzt, die nicht nur die ArbeiterInnen massiv schädigen, die buchstäblich in der giftigen Brühe waten. Auch in den Lederwaren, die dann z.T. unter »großen« Marken nach Europa zum Verkauf kommen, findet sich immer häufiger das aggressive »Chrom 6«. Die Fabriken, in denen die TextilarbeiterInnen mehr als zwölf Stunden am Tag, oft an sieben Tagen in der Woche schuften, sind mit vergitterten Fenstern und nur einem Ausgang schon als Gefängnisse gebaut – sie werden zu Todesfallen, wenn sie zusammenbrechen oder brennen. Die Ingenieure, die solche Fabriken bauen, wissen ebenso wie die Ingenieure, die die Vergasungs- und Verbrennungsanlagen der Konzentrationslager bauten, was sie tun: Sie sparen Kosten und erhöhen die Rendite, als „erfinderische Zwerge, die für alles gemietet werden können“ (Brecht, Galilei).


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