Die industrielle Mega-Maschine als Herrschaftsinstrument

Ziel ist die vollständige Unterwerfung der Menschen, der Politik und des gesamten Lebens unter die technischen und »ökonomischen« Paradigmen der industriellen Mega-Maschine. Bereits Marx erkannte diese doppelte Funktion und die damit verbundene Problematik der ständigen Steigerung der Produktivkräfte durch eine Technik, die die „Alleinherrschaft des Fabrik-Regimes“ immer wieder sicherstellt: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“km

Die »Effektivität« dieser Methoden moderner Naturwissenschaft und Technik und des mit ihnen in harmonischer Ehe verbundenen Kapitalismus scheint durch die Entwicklung der Technik auf der Basis fossiler Energiequellen und dadurch auch der »modernen« Zivilisation glänzend belegt. In ungeahntem Tempo haben sich die Lebensbedingungen der Menschen in den »Industrienationen« verändert und bezüglich der Befriedigung der Grundbedürfnisse zunächst auch verbessert. Die Überzeugung, es habe sich Bacons Hypothese bestätigt, dass technischer Fortschritt automatisch zu sozialem Fortschritt werde, ist heute unabhängig von der politischen Richtung Konsens ‑ daran glaubten auch die Vertreter der sozialistischen Variante dieses »Mythos der Neuzeit«. So sollte eine Art von Paradies entstehen, das »Reich der Freiheit«, in dem die Menschen durch technische Mittel frei und unbehelligt von den unberechenbaren Naturgewalten, als Herren nun auch über die Natur, ihren Bedürfnissen nachgehen können.

Militaristische Ökonomie erzeugt militaristische Technologie

Nach dem Ende des »Realen Sozialismus« wurde die kapitalistische »Globalisierung« des Weges der Industrienationen und ihre neoliberale Radikalisierung »alternativlos«: immer mehr Technik auf allen Gebieten menschlicher Betätigung, immer mehr Wachstum, Markt, Freihandel unter dem Primat der Rendite bzw. der Vermehrung von Geld. Streit kommt höchstens auf über die Frage, ob die keynesianische oder die neoliberale Variante des Kapitalismus die richtige sei.

Diese »Ökonomie« ist militaristisch. Sie organisiert den Konkurrenzkampf auf allen Ebenen und zerstört dabei die Erfolgsfaktoren der natürlichen und humanen Entwicklung: Kooperation, Empathie und sozialen Zusammenhalt. Die Individuen untereinander, die Unternehmen, die bis an die Zähne bewaffneten Kampfeinheiten gleichen, die Staaten werden „marktkonform“ organisiert. Zur Sicherung bzw. Herstellung der »Wettbewerbsfähigkeit« werden inzwischen sogar die gegen den Kapitalismus mühsam erkämpften sozialen Errungenschaften der letzten hundert Jahre nach und nach geschreddert. Griechenland, Spanien, Portugal sind die aktuellen europäischen Beispiele dieser »ökonomisch« begründeten Menschenfeindlichkeit.

Sieht man sich die stofflichen und energetischen Voraussetzungen für diesen Weg an, so schien es bis Mitte des 20. Jahrhunderts wenig Grund zu geben, an dieser Erfolgsstory zu zweifeln, weil die ökologischen Grenzen des Planeten noch nicht erreicht waren. Zwar hatte der »technische Fortschritt« dazu geführt, dass in unzähligen Kriegen das industrialisierte Morden sich ebenso schnell steigerte wie der industrialisierte »Wohlstand« – beide Seiten des kapitalistisch geformten Industriesystems, die »zivile« wie die »militärische« (übrigens nahezu gleichgewichtig, was die investierte Wissenschafts- und Ingenieurkapazität betrifft) ließen den »Fortschritt« marschieren, wenn auch immer wieder, besonders nach den beiden Weltkriegen und nach Auschwitz, die Frage nach der Humanität dieses Weges und damit auch der Kapitalismus infrage gestellt wurde. Doch selbst die Millionen Opfer dieser Kriege und des »zivilen« Fortschritts (im Wesentlichen in bzw. aus den Kolonien der Industrienationen, heute den Ländern des Südens) konnten den festen Glauben an den schlussendlichen Erfolg nicht erschüttern.

Die grundsätzliche Aggressivität der so geformten Technik hat viele Facetten: Zuallererst zeigt sie sich in der Kriegstechnik, im Dienst des »Vaters aller Dinge«, am perversesten in der Entwicklung der Atombombe, die von der der »zivilen« Atomkraft nicht trennbar ist. Brian Easlea hat gezeigt, dass diese Aggressivität geschlechtsspezifisch ist und tief in der Mentalität der „Väter der Vernichtung“be2 steckt. In zahlreichen Zeugnissen der Technikentwicklung findet sie sich bis in die Sprache hinein. Ernst Jünger macht in seinem Buch »Der Arbeiter«ej die Protagonisten der Industriegesellschaft zu „Soldaten der Technik“, zu „Trägern des kriegerischen Kampferlebnisses im industriellen Bereich“. Bernhard Kellermann, der zunächst an der Technischen Hochschule München studierte und dann Schriftsteller wurde, schreibt in seinem Erfolgsbuch »Der Tunnel« über die Hauptfigur, den Ingenieur Allen: „Die Augen dieses Mannes waren kühn und klar, stählern und blinkend. Er hatte während des gesamten Vortrages weder gelächelt noch einen Scherz gemacht“.

Auch wenn Ingenieure, wie bei Kellermann, den »Gegner« nicht nur in den Naturgewalten, sondern auch an der Börse ausmachen, weil die »Kaufleute« ihre Ideale einer perfekten Technik immer wieder der Rendite unterordnen, fügt sich der naturwissenschaftlich-technische Reduktionismus nahtlos in den des Kapitalismus, weil für beide „die Ausschaltung lebender Substanzenefs und deren gesellschaftlicher Zusammenschlüsse Grundlage des Denksystems sind. Darum sind die zerstörerischen Folgen der resultierenden technischen Artefakte nicht auf den militärischen Bereich beschränkt, sondern prägen, wenn auch in unterschiedlichem Maß, die herrschenden »zivilen« Technologien. Seit dem Ende der Periode der durch starkes Wachstum geprägten Nachkriegszeit (etwa 1970), die – nicht zuletzt durch die »Systemkonkurrenz« des »realen Sozialismus« – eine Zeit des sozialen Ausgleichs zwischen Arbeit und Kapital ermöglichte, werden die Folgen nun immer deutlicher sichtbar.


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