Zur strukturellen Militanz kapitalistisch geformter Technik

von Wolfgang Neef

Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte. Bert Brecht, »Leben des Galilei«

  • Reduktionismus durch Ausgrenzen des Lebendigen
  • Die industrielle Mega-Maschine als Herrschaftsinstrument
  • Militaristische Ökonomie erzeugt militaristische Technologie
  • Der „Fortschritt“ marschiert ohne Rücksicht auf Verluste
  • Nur Idiotie oder schon Barbarei?
  • Literatur
  • Reduktionismus durch Ausgrenzen des Lebendigen

    Das folgende Zitat ist nicht dem Wörterbuch des Unmenschen, sondern einem Buch des US-Ingenieurs Robert Boguslaw von 1965 entnommen, das die Philosophie des Entwurfs von technischen Systemen im Zusammenhang mit dem sozialen Wandel behandelt rb: „Was wir brauchen, ist eine Bestandsaufnahme der Möglichkeiten, menschliches Verhalten zu kontrollieren, und eine Beschreibung der Instrumente, die uns helfen, diese Kontrolle zu ermöglichen. Wenn wir auf diese Weise ausreichende Mittel in die Hand bekommen, das Menschenmaterial sinnvoll zu verwenden, dass wir es also behandeln können, wie Teile aus Metall, Elektrizität oder chemische Reaktionen, ist es uns gelungen, es auf der gleichen Ebene wie jedes beliebige andere Material einzusetzen; erst dann können wir beginnen, uns mit unseren Problemen im Entwurf von Systemen auseinanderzusetzen.“

    Diese Betrachtungsweise geht auf die von Francis Bacon begründeten Prinzipien moderner Wissenschaft und Technik zurück: Der Mensch soll die Natur nicht nur verstehen und erforschen, er soll sich ihrer »bemächtigen«, sie unterwerfen und mit harter Hand steuern – nur dann kann der Mensch, und zwar der Mann (die Frau ist für Bacon Teil der Natur), „sich auf die Natur stürzen, ihre Kastelle und Vorposten erstürmen und besetzen und die Grenzen des Reiches der Menschen so weit verlagern, wie es unserem allmächtigen Gott […] gefällt“.be 400 Jahre später formuliert der Biologe Hubert Markl angesichts der sich abzeichnenden Naturzerstörung durch menschliche Wissenschaft und Technik eine „Moral der Widernatürlichkeit“: die Übernahme der Kontrolle durch das „Management der Biosphäre“, der „künftigen Natur unter Menschenhand“.hm Nach dem Technik-Philosophen Günter Ropohl waltet hier eine „Metaphysik“ bzw. eine „Ideologie der Ingenieurwissenschaften“,gr die von der Realität der Technik mit ihren Widersprüchlichkeiten und Unzulänglichkeiten abstrahiert, sie zu einer „Realisation idealer Wesenseinheiten“ macht und letztlich zurückgeht auf die hypertrophe Vorstellung, der Mensch habe nun den „Plan Gottes“ und damit dessen Rolle übernommen.

    Vom Kapital ist hier noch nicht die Rede. Es handelt sich um eine grundlegende Vorgehensweise, um die natur- und technikwissenschaftliche Basis des modernen Industriesystems. Sie abstrahiert von allen nicht quantifizierbaren Eigenschaften, die den Menschen (und die Natur) ausmachen: Der Naturwissenschaftler und Techniker müsse sich, so Galileo Galilei, bei seiner Arbeit ausschließlich nach messbaren quantitativen Größen richten „und dürfe sich nicht von Gefühlen, Emotionen, Träumen und eben von Geschmack, Gerüchen oder überhaupt von etwas irritieren lassen, was ein lebendes Wesen interessiert“.ou

    Genau diese Methode der Abstraktion kennzeichnet aber auch den Kapitalismus, der zunächst die Arbeit, dann aber immer mehr auch alle anderen Bereiche menschlichen Lebens dem Wertgesetz und dem Markt unterwerfen und den Menschen selbst auf den »homo oeconomicus« reduzieren will. Das intellektuell sehr anspruchslose Grundgesetz und Erfolgskriterium des Kapitalismus ist allein die Vermehrung von Geld im Zinseszins-, also im exponentiellen Wachstumsmodus, dessen unbedingte Weiterführung »moderne« Politik zum alles überragenden Dogma erklärt hat. Alle anderen Bestimmungsgrößen und Folgen menschlichen Handelns in Produktion und Reproduktion sind nachrangig. Sie sind mit Marx „gleichgültig“: „Die von Lebensvorgängen bereinigte Welt der naturwissenschaftlich-technischen Maschinen ist wiederum die Welt, die die Logik des Kapitals als ideale Welt für ihren Ausbeutungsprozess anstrebt […] Einteilen nach quantitativen Größen, Wägen und Messen nach immer exakteren Maßen, die Abstraktion von individuellen Interessen und die Rechnungsführung des Kontors sind »der Geist« der neuen Wissenschaft und des Kapitals.ib Technik wie Kapital können aber dieses exponentielle Wachstum nur realisieren, wenn sie zurückgreifen auf fossile Energien und scheinbar unendlich vorhandene stoffliche Rohstoff-Ressourcen und Senken für den anfallenden Müll – eine Illusion: „Anyone who believes exponential growth can go on forever in a finite world is either a madman or an economist“, sagt der Ökonom Kenneth Boulding.

    Auch die sozialen Bedingungen werden mit Hilfe der Politik der Rendite untergeordnet: Die militärischen und »zivilen« Raubzüge zur Gewinnung von Rohstoffen auf der ganzen Welt führ(t)en zur Ausbeutung und Zerstörung ganzer Zivilisationen und Regionen und zur Versklavung ihrer Bevölkerungen; im Inneren der Industrienationen wurden (und werden nach wie vor) die Menschen an das Modell des entfremdeten Arbeitens und im weiteren Verlauf an das entfremdete Konsumieren angepasst. Dieser Prozess war schon im Übergang zum Kapitalismus gewalttätig und ist es auch heute. Ideologisch hilfreich war dabei die christliche Religion, die den Untertanengeist und die »Fabriktugenden« des unaufhörlichen Arbeitens zur Voraussetzung für das ewige Leben im Paradies erklärte.


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