von Markus Krüsemann

Der Kapitalismus ist wieder ins Gerede gekommen. Er taumelt von Krise zu Krise, und eine wachsende Minderheit – darunter sogar die Bundeszentrale für politische Bildung (2015) – fragt sich, ob nicht doch eine vernünftigere Alternative denk- und machbar wäre. Eine Frage, die in den 1970er Jahren schon einmal und vehementer gestellt worden ist. Damals waren es unter anderem Jürgen Habermas und Klaus Offe, die diese Frage aufgriffen und von Legitimationsproblemen des kapitalistischen Staates sprachen, ein Begriff, der immer mehr auch auf die heutige Situation zuzutreffen scheint, man denke nur an die Warnungen vor einer marktkonformen Demokratie oder an Colin Crouchs (2008) bedrückende Sezierung postdemokratischer Verhältnisse.

Habermas (1973) und Offe (1972) analysierten Strukturprobleme einer Wirtschafts- und Gesellschaftsformation, die sie Spätkapitalismus nannten. Heute, vierzig Jahre später, nach der Demontage des keynesianischen Wohlfahrtsstaates und der Entfesselung der Finanzmärkte, hat dieser Begriff seine analytische Kraft weitgehend verloren, und so stellt sich die Frage, von welcher Gesellschaftsformation, von welchem Kapitalismus heute zu sprechen ist, oder, um es mit den Worten Armin Pongs (2000) zu sagen: „In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?“
Die eine schlüssige Antwort darauf wird es kaum geben, denn an (konkurrierenden) Theorieangeboten und sozialwissenschaftlichen Zeitdiagnosen herrscht kein Mangel. Außer den Vertretern einer weiterhin wirkungsmächtigen, wenn auch mittlerweile etwas angegrauten Regulationstheorie mit ihrer Postfordismus-These und der wieder populär werdenden Theorie des Staatsmonopolkapitalismus (Stamokap) versprechen eine Reihe von „Bindestrich-Kapitalismen“ die strukturelle Beschaffenheit der gegenwärtigen Gesellschaft auf den richtigen Begriff zu bringen.
Besonders aktuell erscheint der Finanz- oder Finanzmarkt-Kapitalismus Aber leben wir wirklich im Finanzmarktkapitalismus als neuer Formation wie etwa Paul Windolf (2005), Elmar Altvater oder Joachim Bischoff (2006) erklären? Mit Krumbein u.a. (2014) scheinen Zweifel angebracht.
Auf breitere Zustimmung stoßen Analysen, die den historischen Siegeszug des Neoliberalismus zum Ausgangspunkt nehmen, ihm eine formationsprägende Kraft zuschreiben und folgerichtig von einer Ära eines neoliberalen Kapitalismus oder, wie Joachim Hirsch (2009), eines neoliberal-postfordistischen Kapitalismus zu sprechen. Doch wer oder was ist dieser Neoliberalismus, und was macht ihn so wirkungsmächtig?

Leben im Neoliberalismus
Neben vielen anderen hat auch der Politikwissenschaftler Patrick Schreiner ein Buch über den Neoliberalismus geschrieben. Das ist erwähnenswert, denn es hebt sich von vielen klugen Analysen ab und eröffnet einen alternativen Zugang zum Verständnis des Neoliberalismus: Anders als z.B. Butterwegge u.a. (2008) liefert der Autor keine wissenschaftliche Gesellschaftsanalyse oder Theorie einer Gesellschaftsformation, vielmehr konzentriert er sich in seiner sehr alltagsnahen Durchleuchtung des Phänomens auf den Neoliberalismus als Ideologie und Bewegung. Und er schaut dabei weniger auf die Strukturen, sondern auf die Menschen. Wie sich gleich zeigen wird, ist das in beiderlei Hinsicht ein kluger Schachzug.
Zunächst aber kommt auch Patrick Schreiner nicht umhin, einleitend und grundlegend Herkunft und Kernelemente der neoliberalen Doktrin zu erläutern. Wer jetzt an eine trocken-abstrakte Theorieabhandlung denkt, wird angenehm überrascht. Dem Autor ist es gelungen, auf wenigen Seiten präzise und doch allgemeinverständlich die Geschichte der Ideologie und ihre wesentlichen Grundaussagen zu vermitteln. Entsprechend seines Kernanliegens zeigt er aber nicht nur auf, dass der Neoliberalismus ein marktradikales Wirtschaftsmodel ist, das sämtliche Lebensbereiche der Menschen ökonomisieren und einer kapitalistischen Verwertungslogik unterwerfen will. Seinen Eingriff in die Gesellschaft entfaltet er auch auf einer ideologischen Ebene, indem er ein sehr spezifisches Menschenbild propagiert und in den Köpfen der Menschen verankern will.
Da, wo es gelingt, ist ein nach neoliberalen Prinzipien umgepolter Mensch laut Schreiner in erster Linie damit befasst, beständig den Anforderungen des Marktes und der Gesellschaft gerecht zu werden. Zwar ist ein auf Anpassung fokussiertes Leben an sich nichts Neues, spezifisch für solch ein Leben im Neoliberalismus ist jedoch, dass der Anpassungsprozess einem neuem Muster folgt: Die Menschen werden dazu angehalten 1. sich ständig selbst zu thematisieren, 2. sich selbst zu optimieren und 3. das Ergebnis ihrer Anstrengungen auch nach außen durch Selbstdarstellung kundzutun.

Die alltägliche Indoktrinierung
Mit dieser Interpretationsfolie gut gerüstet begibt man sich mit dem Autor in den acht Folgekapiteln auf Spurensuche und bekommt für unterschiedliche Phänomene und Lebensbereiche vorgeführt, auf welche Weise der Neoliberalismus in die Köpfe der Menschen dringt und dabei „das Fühlen, das Denken und das Handeln der Menschen, ihr Selbstbild und ihre Identität“ prägt.
Nach einem ersten, eher analytischen Kapitel über den Eingriff des Neoliberalismus als Bewegung in den Bildungsbereich folgen einige etwas deskriptiver gehaltene Betrachtungen zu den Wirkungen des Neoliberalismus als Ideologie. Sie bilden den Kern des Buches, denn Patrick Schreiner will zeigen, wie sehr die neoliberale Ideologie den Alltag der Menschen durchzieht, wo und wie sie ihm meist unbemerkt vermittelt wird, und in welcher Form und in welchem Maße sich viele Menschen dieses Denken bereits zu eigen gemacht haben.
Patrick Schreiner spannt dabei den Bogen von der Ratgeberliteratur über die Esoterik-Bewegung, den Leistungssport, Castingshows und die Pseudo-Glitzerwelt der echten und vermeintlichen Prominenz. Fündig wird er auch in den sozialen Netzwerken und bei der Betrachtung von über Werbung und Medien transportierten Konsum- und Lifestylemustern. In all diesen Bereichen lassen sich nicht nur die Kernelemente neoliberalen Denkens aufdecken, sondern auch die Mechanismen, wie dem Menschen neoliberales Denken eingetrichtert wird. Überall entdeckt Schreiner versteckt oder ganz offen die immergleichen Anforderungen: Sei flexibel! Diszipliniere dich! Handele wie ein Unternehmen! Schau auf dich selbst! Es sind diese Imperative, die die Menschen, so sie willig bereit sind ihnen zu folgen, zu einer permanenten Selbstthematisierung, Selbstoptimierung und Selbstdarstellung anhalten.
Nicht alle der beschriebenen gesellschaftlichen Phänomene sind allerdings genuin neoliberaler Provenienz. Die unreflektierte Begeisterung etwa für Gewinner und Gewinnerinnen in Wettkampf-Sportarten oder für Prominente, Stars und Sternchen aus der Musik, aus Kino, Radio und Fernsehen hat es auch schon zu früheren Zeiten gegeben. Ähnlich verhält es sich mit esoterischem oder spirituellem Denken. Patrick Schreiner ist sich dessen bewusst, verweist in solchen Fällen aber darauf, dass der Neoliberalismus hier „anschlussfähig“ sei, dass neoliberale Ideologie hier „unmittelbar anknüpfen“ könne. Unter analytischen Gesichtspunkten mag das diskussionswürdig sein, denn zu fragen wäre, ob es sich nicht um Strukturmerkmale jeglicher Form kapitalistischer Vergesellschaftung handelt. Für eine Veranschaulichung der Gedankenwelt, die der Neoliberalismus permanent und alltäglich transportiert, sind aber auch diese Beispiele erhellend.
Mit fortschreitender Lektüre zeigt sich immer deutlicher: es ist eine Gedankenwelt, in der Egoismus und Selbstverantwortung gefeiert werden, in dem das Soziale ausgeblendet wird und für Solidarität und sozialen Ausgleich kein Platz ist. Der Neoliberalismus beruht auf einer Ideologie der Individualisierung, die sowohl die Wahrnehmung und Analyse von eigentlich gesellschaftlichen und sozialen Problemen, als auch die Zuschreibung von Ursachen und des Aufzeigen von Lösungswegen bestimmt. Hier ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. Erfolge sind allein selbst hart erarbeitet, wie auch die Ursachen für Probleme und Misserfolge allein dem Individuum zugeschrieben werden, dass sich nicht genug bemüht hat.
Trotz des bewussten und auch sinnvollen Verzichts auf die oben angerissene gesellschaftstheoretische Dimension hätte man sich etwas mehr Analysen zum Neoliberalismus als Bewegung gewünscht, denn das politische Wirken seiner Protagonisten zeitigt ja nicht nur in der Bildungspolitik sondern zum Beispiel auch in der Gesundheitspolitik verheerende Folgen, etwa wenn in einem marktwirtschaftlich ausgerichteten Gesundheitssystem Kliniken durch die Gesundheitsreformen der letzten 20 Jahre einem gnadenlosen Wettbewerb und Kostendruck ausgesetzt worden sind.
Aber auch die hier vorgelegte Betrachtung der Phänomene in den verschiedensten Lebensbereichen ist entlarvend genug. Zudem zielt das Buch ganz offensichtlich darauf ab, einen größeren LeserInnenkreis zu erreichen. Theoretisch gesättigte Analysen würden dem im Wege stehen.

Freiwillige Unterwerfung
„Der Kapitalismus prägt nicht nur das Wirtschaften, sondern auch unseren Alltag, unser Miteinander, unser gesamtes Leben.“ Das ist kein Marx-Zitat, sonder eine von Süddeutsche.de verbreitete (späte) Einsicht. Und sie bildet quasi das Leitmotiv des gut 100 Seiten starken Buches.
Verbleibt man in der Musikmetaphorik, so drängt sich am Ende folgender Eindruck auf: Herrschaft ist der Takt, zu dem wir alle tanzen. Patrick Schreiner hat den neoliberalen Dreiklang dazu aufgezeigt, in den zu viele Menschen (mal mehr, mal weniger) freiwillig einstimmen: Selbstthematisierung, Selbstoptimierung, Selbstdarstellung. Um massenwirksame Legitimationsprobleme muss sich der Neoliberalismus vorerst wohl doch keine Sorgen machen.

Patrick Schreiner: Unterwerfung als Freiheit. Leben im Neoliberalismus. Neue Kleine Bibliothek 206, PapyRossa-Verlag. 127 Seiten, ISBN 978-3-89438-573-6, EUR 11,90

 

Markus Krüsemann ist Soziologe. Er arbeitet am Göttinger Institut für Regionalforschung und betreibt die Informationsplattform miese-Jobs.de.
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LIT.:
Bischoff, J. (2006): Zukunft des Finanzmarkt-Kapitalismus – Strukturen, Widersprüche, Alternativen, Hamburg.
Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.) (2015): Kapitalismus und Alternativen, Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 65. Jg., Nr. 35-37.
http://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/APuZ_2015-35-37_online.pdf
Butterwegge, C./ Lösch, B./ Ptak, R. (Hg.) (2008): Kritik des Neoliberalismus, 2. Auflg., Wiesbaden.
Crouch, C. (2008): Postdemokratie, Frankfurt/M.
„Das System ist überall“. Süddeutsche.de vom 02. Juli 2015
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kapitalismus-und-seine-folgen-das-system-ist-ueberall-1.2546530
Habermas, J. (1973): Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, Frankfurt/M.
Hirsch, J. (2009): Die Krise des neoliberalen Kapitalismus: welche Alternativen? In: Altvater, E./ Bischoff, J. u.a.: Krisen Analysen, Hamburg, S. 75-88.
Krumbein, W./ Fricke, J. u.a. (2014): Finanzmarktkapitalismus? Zur Kritik einer gängigen Kriseninterpretation und Zeitdiagnose, Marburg.
Offe, Claus (1972): Strukturprobleme des kapitalistischen Staates. Aufsätze zur Politischen Soziologie, Frankfurt/.M.
Pongs, Armin (2000): In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Gesellschaftskonzepte im Vergleich, München.
Windolf, Paul (Hg.) (2005): Finanzmarkt-Kapitalismus: Analysen zum Wandel von Produktionsregimen, Sonderheft 45 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen.


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