Ein Beitrag von Dr. Heike Knops

Zusammenfassung: Die neoliberalen Veränderungen unserer Gesellschaft beeinflussen auch den medizinischen Sektor. Dies zeigt sich nicht nur darin, dass ganze Bevölkerungsschichten – wie etwa in Griechenland – keinen Zugang mehr zum Gesundheitssystem haben, dass die Kindersterblichkeit steigt und verschwunden Krankheiten wieder auftauchen. Dieser Einfluss tangiert auch die Debatten um Sterbehilfe und Sterbebegleitung.


Der Blog-Beitrag von Dr. Heike Knops zeigt auf, wo und wie hier die Zusammenhänge bestehen: So ist etwa ein schleichender Übergang zu beobachten, dass unter „Sterbebegleitung“ etwa auch Neugeborene mit schwersten Fehlbildungen oder schweren Stoffwechselstörungen und Wach-Koma-Patienten fallen – Menschen also, die noch gar nicht im Sterben liegen. Wenn unerwünschte Umstände wie etwa Pflegekosten dem „gesellschaftlichem Nutzen“ zuwiderlaufen, dann wandelt sich die medizinische Praxis von einer bis dahin öffentlich etablierten zur rein privaten. Dann sollen die Eltern oder Angehörigen über das Schicksal des bereits medizinisch und juristisch „zum Töten frei gegebenen“ Lebens entscheiden. Ein medizinisches Angebot, das bislang von der Krankenkasse bezahlt wurde, wird zur privaten Einzelentscheidung.

So wird gedanklich und praktisch Euthanasie vorbereitet – sprachlich schöngefärbt als „Sterbebegleitung“. Es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Theologen Euthanasie befürworten. Die Legitimation einer anerkannten Ethik-Institution wird für diesen Dammbruch nötig sein, denn Ethik wird gebraucht, um ein „Unbedenklichkeits-Siegel“ für politische und medizintechnische Vorgaben auszustellen.

 

 

Die neoliberalistischen Veränderungen unserer Gesellschaft manifestieren sich nicht nur im Finanzsektor, in hoher Arbeitslosigkeit und sich ausbreitender Armut, sondern sie beeinflussen auch die Entwicklung und Ausgestaltung des medizinischen Komplexes. Die entsprechenden Entscheidungen werden, wie in den anderen Fragen auch, auf europäischer Ebene getroffen. In Rede stehen die Änderung des Transplantations-gesetzes, ebenso wie die Regelungen zur medizinischen Praxis am Lebensanfang und –ende.

Der internationale Terminus für die in der BRD als Sterbehilfe bezeichneten Verfahren ist „Euthanasie“. Unter diesem, bei uns belasteten Begriff, diskutierte das „Komitee für soziale, gesundheitliche und familiäre Angelegenheiten“ des Europarates bereits im September 2003 die europäische Praxis am Lebensende [1]. Auslöser war die zunehmende Bereitschaft von europäischen Ärzten und medizinischem Personal, das Leben ihrer Patienten unter bestimmten Bedingungen zu beenden. Daher erfolgte 2003 ein konkreter Aufruf an die europäischen Mitgliedstaaten[2]. Dem Aufruf folgend wurde in der BRD zunächst die rechtsverbindliche Einführung der Patientenverfügung vorangetrieben und inzwischen installiert. Dies war in allen europäischen Ländern der erste bahnbrechende Schritt vor Einführung der Euthanasie.

In den „Grundsätzen der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung“, die seit 1979 fortlaufend aktualisiert werden, ist parallel zu der skizzierten europäischen Initiative eine Ausweitung der sog. Sterbebegleitung zu vermerken auf Menschen, die noch gar nicht im Sterben liegen! Ab 1998 ist diese Entwicklung manifest.

Seither werden unter Sterbebegleitung etwa auch „Neugeborene mit schwersten Fehlbildungen oder schweren Stoffwechselstörungen“ und „Wach-Koma-Patienten“, also nicht Sterbende, genannt. Geht es bei Sterbenden um die Verkürzung des bereits unaufhaltsam begonnen Sterbeprozesses, so geht es bei diesen nicht todgeweihten Patientengruppen jedoch um die Verkürzung des Lebensprozesses durch einen Behandlungsabbruch.[3]

Bei weniger schwer geschädigten Neugeborene votierte die Ärzteschaft 1998 noch für lebenserhaltene Maßnahmen selbst gegen den Elternwillen.[4] Diese Position wird in den BÄK Grundsätzen von 2011 durch die Betonung des Elternwillens aufgegeben. Ersatzlos gestrichen wurde gleichzeitig auch der ärztliche Standpunkt, dass Patienten, die nicht in absehbarer Zeit zwangsläufig sterben, ein Recht auf Behandlung, Pflege und Ernährung haben.[5]

Der Aufbruch in Richtung Euthanasie wird spürbar.

Die rechtsverbindliche Patientenverfügung und der darin postulierte Patientenwille entlassen den Arzt schließlich aus der Behandlungspflicht. So erfahren wir gleich in der Präambel der BÄK Fassung von 2011: „Die ärztliche Verpflichtung zur Lebenserhaltung besteht daher nicht unter allen Umständen.“[6]

Diese ärztliche Neuorientierung in der sog. Sterbebegleitung wird durch die Kopplung der folgenden drei Phänomene brisant: mit der Ausweitung von Behandlungsabbruch auf immer mehr Patientengruppen geht eine Ausdehnung dieser Praxis auf Nicht-Sterbende einher bei gleichzeitig möglichem Rückgriff auf den nur mutmaßlichen[7] Patientenwillen.

So wird gedanklich und praktisch Euthanasie vorbereitet – sprachlich schöngefärbt als „Sterbebegleitung“. Die politisch gewollte Einführung von Euthanasie in Europa ist auch bei uns in der BRD in Vorbereitung.

Politik und Medizin haben die Richtung markiert, in die es gehen soll. Und es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis Theologen und Kirchenleitungen Euthanasie befür-worten. Denn die Legitimation einer anerkannten Ethik-Institution wird für diesen Damm-bruch nötig sein. Selbst in den Niederlanden konnte die Euthanasie erst eingeführt werden, als protestantische Theologen diesem Kurs zustimmend folgten. Ethik wird gebraucht, um ein „Unbedenklichkeits-Siegel“ für politische und medizintechnische Vorgaben[8] auszustellen. Sie dient dazu, die real existierenden politischen Verhältnisse und ihre Bestrebungen zu flankieren.

So wird ein sich ausweitenden Zugriff auf das Leben der Bevölkerung, der sich gerade auch in der Euthanasie zeigt, möglich. Diese Entwicklung ist systemischer Teil einer sich verändernden Gesellschaft, die immer stärkere Züge eines ungebremsten Kapitalismus trägt. Darin wird alles zur Ware und unter dem Aspekt von Kosten und Nutzen organisiert: auch das Leben.

Wurde zunächst und klassisch nur auf die Arbeitskraft des Menschen rekurriert, so gerät unter der wachsenden Dominanz der Ökonomie mehr und mehr der gesamte Mensch in allen Lebensphasen in den Focus.

Mittels Pränataldiagnostik (PND) und Präimplantationsdiagnostik (PID) ist bereits eine gesellschaftliche Bewertung von Leben implementiert worden. Denn diese Verfahren suchen vorgeburtlich auch gezielt nach Krankheiten und Beeinträchtigungen. Werden Veränderungen entdeckt, die unerwünscht sind (die gesellschaftlichem Nutzen und Verwertung zuwiderlaufen, weil sie etwa Pflege und Kosten verursachen werden), so wendet sich diese medizinische Praxis von einer bis dahin öffentlich etablierten zur „rein privaten“. Denn nun sollen die Eltern über das Schicksal des bereits medizinisch und juristisch „zum Töten frei gegebenen“ ungeborenen Lebens entscheiden. Sie sollen Tod oder Weiterleben verantworten. Durch dieses Setting verwandelt sich ein von der Krankenkasse bezahltes medizinisches Angebot in eine private Einzelentscheidung.

Andererseits aber hat das Verfahren gerade durch die Standardisierung und den allgemeinen Zugang zu dieser medizinischen Leistung gesellschaftliche Bedeutung. Daher kann nicht unreflektiert bleiben, dass PND und PID Selektion und pränatale Euthanasie intendieren und insofern eine moderne Form der Eugenik darstellen. Als solche hat diese Praxis bevölkerungspolitische und sozialethische Relevanz und müsste demokratischem Diskurs und Kontrolle unterworfen sein und sich eben nicht als Privatsache im medizin-ischen Alltag vollziehen.

Dass eine eugenische Entscheidung heutzutage keiner diktatorischen Politik mehr bedarf, ist das Ergebnis kapitalistischer Vergesellschaftung. Sie sichert die individuelle Über- nahme der leistungsorientierten Wertmuster durch Angleichung der Identitätsstruktur des Einzelnen an das objektive Anspruchsniveau.

Denn: „Personale Identität entwickelt sich im Prozess der individuellen Vergesell-schaftung als Vermittlung subjektiver Bedürfnisse und Erwartungshaltungen mit den gesellschaftlichen Ansprüchen und Normen, zu denen die Leistungsbereitschaft als zentrales Element gehört.“[9]

Diese Art sublimer Fremdbestimmung und bevölkerungspolitischer Lenkung des Menschen durch die kapitalistische Logik des medizinisch-technischen Machtblocks wird begleitet und verstärkt durch einen Prozess gesellschaftlicher Entsolidarisierung und fand schon früh Eingang in kirchliches Gedankengut.

Im Jahre 1973 legt der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK)[10] eine Expertise vor zum Thema: „Bevölkerungspolitik, soziale Gerechtigkeit und die Qualität des Lebens“. [11] Darin befürwortet der ÖRK die durch genetische Beratung mögliche Selektion von Menschen so wie die pränatale Euthanasie (nach PND oder PID). Beides will er ausdrücklich in die Entscheidungsfreiheit der betroffenen Eltern gestellt sehen. Jedoch diskutiert er „verant-wortliche Elternschaft“[12] unter den Prämissen der „Wahrscheinlichkeit eines sinnvollen Lebens“ für das erwartete Kind mit Behinderung, der „physischen, emotionellen und wirtschaftlichen Folgen für die Eltern“ so wie der „Anhäufung schädlicher Gene in der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Folgen für die Gesellschaft“.[13] Dass die Interessen der Gesellschaft Vorrang haben können vor privaten, wird – abgeleitet von ansteckenden Krankheiten – vorsichtig auch auf genetische übertragen.[14] Abschließend appelliert der ÖRK an die Kirchen, „das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu schärfen für die impliziten sittlichen Fragen und für die Notwendigkeit, sich ernsthaft mit Dingen auseinanderzusetzen, die wir bisher der Natur überlassen haben, wobei wir auch schlechte Entwicklungen in Kauf nahmen“.[15]

Damit stimmt auch die ÖRK Expertise auf ein marktkonformes Menschenbild ein. Es manifestiert sich gegenwärtig in der Selbstverständlichkeit von pränataler Euthanasie (mittels PND und PID), der Selbstwertanalyse durch Patientenverfügungen[16] sowie den Euthanasiebestrebungen und zeigt sich darin interessengeleitet und stigmatisierend.

Ein solches Menschenbild verweigert sich einer ganzheitlichen Wahrnehmung und der Prozesshaftigkeit von menschlichem Leben und widerspricht der Idee der Menschenwürde und einer Vorstellung von zweckfreiem menschlichen Dasein. Damit entspricht es jedoch den an der Marktökonomie orientierten Differenzierungs- und Ausgrenzungsprozessen, die beginnend mit den 70er Jahren gesellschaftlich relevant werden und nachweisbar sind.[17]

Michel Foucault analysiert in einem seiner Bücher wie im Zuge der Industrialisierung der „menschliche Körper im wesentlichen zur Produktivkraft“ geworden ist. Gleichzeitig sind „sämtliche Formen der Verschwendung“ von Lebensenergie (M. Foucault meint hier Sexualität und Wahnsinn), sowie alle Lebensweisen, die nicht der Produktivität dienen, und „daher in ihrer Nutzlosigkeit in Erscheinung“ treten, „verbannt, ausgeschlossen und unterdrückt worden“. [18]

Wir blicken heute auf einen Großteil dieser Entwicklung bereits zurück.

Aus der wirtschaftlichen Nützlichkeit eines Menschen und den gesellschaftlichen Not-wendigkeiten hat sich in der Gegenwart ein Konsens über Lebensqualität gebildet. Er ist uns vertraut und fassbar im herrschenden Gesundheits- und Schönheitsideal sowie der Leistungsethik und Konsumfähigkeit. Ein Leben mit Beeinträchtigungen, die Konsum, Leistungs- und Erlebnisfähigkeit reduzieren, erscheint uns als nicht lebenswert.

Nachdem die Ökonomie zur dominanten Leitwissenschaft geworden ist, hat in unserer Gesellschaft eine allgemeine Anpassung an vorgegebene Normen außerhalb von Recht und Gesetz stattgefunden. Eine Anpassung an Normen also, die wir verinnerlicht haben, die für uns gelten, auch wenn sie nicht mit Sanktionen versehen sind, keinen Rechts-status haben.

Die Selbstbestimmung über den Zeitpunkt des eigenen Todes ergibt sich als Konsequenz aus den genannten modernen Lebensbedingungen. Wenn die Lebensqualität sinkt, beginnt das Nachdenken über sein Ende.

Die Frage der Lebensqualität stellt sich aber nicht nur im Blick auf das Lebensende, sondern auch im Blick auf den Lebensanfang. Die Aussicht auf Verhinderung von behindertem Nachwuchs einerseits und die genetische Optimierung des Nachwuchses andererseits fügt sich reibungslos in die genannten gesellschaftlichen Bedingungen ein.

Der Schlüssel zu einer egalitären Gesellschaft liegt allerdings nicht in dieser Anpassung an die erwünschte Normalität. Durch die Anpassung der Bevölkerung an bestimmte Standards von Gesundheit, Intelligenz und Arbeitsfähigkeit allein wird noch keine Gesellschaft etabliert, die allen Menschen gleich gute Lebensbedingungen garantiert.

Denn unter Ausgrenzung und Vorurteilen leiden nicht nur Menschen mit Behinderung, alte, kranke und leistungsschwache Menschen – sondern auch Ausländer und Homo-sexuelle und Menschen mit einem anderen als dem bürgerlichen Lebensstil.

Ausgrenzung ebenso wie ein starres Bild von Normalität sind systemimmanent. Mainstream Bio- und Medizinethiker liefern dazu das passende statische und funktionale Menschenbild, das eine Klassifizierung erlaubt ausgehend von einem bestimmten Zustand eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Vernachlässigt wird, dass jedes Leben eine vorgeburtliche und eine nachgeburtliche Phase hat, dass Krankheiten und Schwäche ebenso wie Gesundheit und Stärke zu dem kontinuierlichen Prozess des Lebens gehören.

Menschsein wird somit weder als biologisches Phänomen in seiner beschriebenen Prozesshaftigkeit wahrgenommen noch findet der soziale und geschichtliche Charakter von Menschsein Beachtung.

Auf diesem Hintergrund sind die großen Linien in der Euthanasiefrage am Lebensanfang und –ende entschieden und vorbereitet worden.

Im aktuellen Prozess um die Einführung der sogenannten aktiven Sterbehilfe bleibt nur noch die Möglichkeit, die juristische Ausprägung von Euthanasie in der BRD zu beeinflussen.

Wir können von den niederländischen Erfahrungen profitieren und daraus Konsequenzen ziehen. Dort nämlich werden die Regularien von den Ärzten dominiert. Durchführung und Kontrolle der Euthanasiepraxis hängen allein vom Arzt ab.

Wenn die staatlich festgelegten Euthanasie-Kriterien bei einem Patienten vorliegen, muss der Arzt die Entscheidung zur Tötung im Einvernehmen mit einem ärztlichen Kollegen treffen. Dann kann der Patient getötet werden. Anschließend aber darf der Euthanasie-Arzt keinen Totenschein ausstellen, sondern muss den Leichenbeschauer informieren, der wiederum den Staatsanwalt einschaltet. Der Staatsanwalt überprüft, ob der Euthanasie-Arzt wirklich alle Sorgfaltskriterien erfüllt hat. Wenn nicht, so wird gegen den Arzt ein gerichtliches Verfahren eingeleitet.

Alles hängt nun an der Zuverlässigkeit des Arztes. Ist er bereit in diesen aufwendigen Prozess einzutreten? Hat er die Zeit dazu? Oder stellt er nach der Euthanasie einfach einen Totenschein aus?

Der Remmelink-Ausschuss [19] stellte fest, dass 70 % der niederländischen Ärzte, die Euthanasie geleistet hatten, einfach selbst den Totenschein ausstellten.

Nach Legalisierung der Euthanasie in den Niederlanden wurde zudem der Kreis der Betroffenen bei ähnlicher Rechtslage immer weiter ausgedehnt, z.B. auf Neugeborene mit Behinderung und Menschen mit Demenz.[20] Die Kontrolle der Ärzte blieb unzureichend.

Daraus zu lernen, bedeutet m.E. vor allem, Euthanasie nicht den Ärzten zu überlassen!

Heilen und Töten gehören nicht zusammen. Und so wäre es sicher klug, mit Einführung der Euthanasie in der BRD einen Berufsstand vorzusehen, der diese Tötungen ausführt. Ärztliche Gutachten zur Euthanasie müssen vom Vollzug derselben abgekoppelt sein. Wer Unheilbarkeit, nahenden Tod oder schwere Behinderung attestiert, darf nicht gleichzeitig derjenige sein, der den Tod vollstreckt und bei der Krankenkasse abrechnet.

Ärztliche Euthanasie kann zudem das Arzt-Patienten-Verhältnis belasten. Bei schwerer unheilbarer Krankheit wird der Patient unsicher sein, ob der Arzt an seinem Bett als Helfer oder Exekutor kommt – vor allem wenn sich der Betroffene aufgrund der Krankheit nicht mehr deutlich artikulieren kann.

Die bereits in Rede stehende Kombination der Euthanasiepraxis mit Organtransplantation ist ein weiterer wesentlicher Grund, die Dinge zu trennen. In Belgien wurde erstmals am 29.1. 2005 Euthanasie bei einer 43-Jährigen mit zeitgleicher Entnahme von Nieren, Leber und Bauchspeicheldrüse gekoppelt.[21] Vieles wird denkbar, wenn menschliches Leben kapitalistischen Prinzipien unterstellt und Töten zum ärztlich-medizinischen Geschäft wird.

 

Anmerkungen

1 Parliamentary Assembly /Assemblée parlementaire Euthanasia, Doc. 9898, 10 September 2003 / Report: Social, Health and Family Affairs Committee Rapporteur: Mr Dick Marty, Switzerland

2 Die Mitgliedsstaaten sollen empirische Daten sammeln und analysieren über die jeweiligen Entscheidungen am Lebensende, wie: freiwillige, aktive Euthanasie, ärztlich assistierter Selbstmord, passive Euthanasie und verwandte Praktiken. Zu dem Ergebnis soll die Öffentlichkeit sowie Mediziner und Juristen gehört werden. Sie sollen eine öffentliche Diskussion über diese Themen in ihren Ländern anregen, um größtmögliche Transparenz in diesem Bereich zu erzielen. Da er bisher unkontrolliert den Ärzten überlassen wird. Gleichzeitig soll die Diskussion über diese Fragen auf europäischer Ebene gefördert werden und die Erfahrungen aus den Niederlanden und Belgien ausgewertet werden. Im Lichte der genannten öffentlichen Diskussion soll abschließend überlegt werden, ob die Fragen des Lebensendes nicht in ein gesetzliches Regelwerk überführt werden sollten.

3 1998 gelten als Kandidaten für den Behandlungsabbruch: „Patienten mit infauster Prognose, die sich noch nicht im Sterben befinden, bei denen nur das Leiden verlängert“ würde sowie „Neugeborene mit schwersten Fehlbildungen oder schweren Stoffwechselstörungen, bei denen keine Aussicht auf Heilung oder Besserung besteht und Vitalfunktionen ungenügend sind oder ausfallen“, darüber hinaus auch „Neugeborene, die schwerste Zerstörungen des Gehirns erlitten haben“.

4 „Eine weniger schwere Schädigung (bei Neugeborenen) ist kein Grund zur Vorenthaltung oder zum Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen, auch dann nicht, wenn Eltern dies fordern.“ BÄK, Grundsätze zur Sterbebegleitung 1998

5 „ Patienten mit einer lebensbedrohenden Krankheit, an der sie trotz generell schlechter Prognose nicht zwangsläufig in absehbarer Zeit sterben, haben, wie alle Patienten, ein Recht auf Behandlung, Pflege und Zuwendung. Lebenserhaltende Therapie einschließlich – gegebenenfalls künstlicher – Ernährung ist daher geboten. Dieses gilt auch für Patienten mit schwersten cerebralen Schädigungen und anhaltender Bewusstlosigkeit (apallisches Syndrom, sogenanntes Wachkoma)“ aus BÄK Grundsätze Sterbebegleitung von 1998

6 BÄK Grundsätze Sterbebegleitung 2011

7 Medizinrechtlich ist der mutmaßliche Wille von Bedeutung, wenn ein Patient nicht einwilligungsfähig ist. Im Fall von Euthanasie bedeutet der mutmaßlicher Wille: es wird angenommen, dass der Patient gern sterben möchte; etwa weil die Angehörigen entsprechend votieren.

8 Vgl.: Pränataldiagnostik, Implantationsdiagnostik und damit verbundene Abtreibung von Ungeborenen mit Behinderung (bzw. Nicht-Implantieren genetisch unerwünschter Eizellen) Also: Selektion von Menschen

9 Werner Seppmann, Dialektik der Entzivilisierung,Hamburg 2011, S. 89

10 Der ÖRK ist eine weltweite Gemeinschaft von 349 Kirchen „auf der Suche nach Einheit in gemeinsamem Zeugnis und christlichem Dienst“. Mitglied sind die papstlosen Kirchen: protestantische, orthodoxe und alt-katholische. Die römisch katholische Kirche selbst sitzt mit sog. Beratern im ÖRK.

11 Das ÖRK Dokument stützt sich auf ein Expertenforum zum Thema „Genetics and Quality of Life“, das auf Initiative der Einheit „Church and Society“ des ÖRK in Zusammenarbeit mit der Christlichen Gesundheitskommission unter dem Vorsitz von Charles Birch, dem Leiter der biologischen Fakultät der Universität Sydney/ Australien, 1973 durchgeführt wurde. Etwas gekürzt abgedruckt in: ZEE 19,1975, S.169-184 „Genetik und die Qualität des Lebens“

12 Zeitschrift für Evang. Ethik (ZEE) 19, Gütersloh 1975, S.175 und öfter

13 ZEE 19, 1975, S.175 (Zusammenfassung)

14 ZEE 19, 1975, S.182

15 ZEE 19, 1975, S.184

16 Per Patientenverfügung soll der einzelne selbst bestimmen, wann sein Leben Wert und Würde verloren hat

17 vgl.: H.Kühn,Ökonomische Moral der Ausgrenzung, S.115-117 in: J.P.Stössel (Hg.), Tüchtig oder tot, Freiburg i.Br. 1991 / vgl.: H.Grewel, Medizin und Menschenbild,a.a.O., 1994, S.45

18 M.Foucault, Dispositive der Macht, Berlin 1978, S. 84

19 Commissie Onderzoek Medische Praktijk inzake Euthanasie, Medische beslissingen rond het levenseinde, Onderzoek en Rapport, s`Gravenhage Sdu. 1991 Ähnliche Untersuchungen gab es auch in der Folgezeit mit ähnlichen Ergebnissen.

20 kobinet-nachrichten / 3. Dez.2005/ Niederlande: Straffreie Kinder-Euthanasie Der französische Philosoph Alain Badiou (Ethik, Wien 2003, S.53) macht auf die neue Zäsur aufmerksam, die dort liegt, wo Euthanasie bei Menschen möglich werden soll oder schon ist, die gar nicht sterben, sondern behindert, schwerkrank oder verzweifelt sind. Die Probleme liegen in einer bürokratischen Medizin und einer Gesundheitsökonomie, in der es auf die möglichst effiziente Verteilung von Geld ankommt. Sie liegen in einer Gesellschaft, in der „das Leiden und der Verfall nicht als ‚würdig‘ gelten und nicht übereinstimmen mit dem glatten, jugendlichen, gut ernährten Bild, das wir uns vom Menschen und seinen Rechten machen. Wer sieht nicht, dass die ‚Debatte‘ über Euthanasie vor allem auf das radikale Fehlen einer Symbolisierung für Alter und Tod hinweist?

21 DIE ZEIT berichtet darüber am 24.10.2011: Sterbehilfe – Carine, 43, lässt sich töten


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