Eine Zusammenfassung und Diskussion des konvivialistische Manifest von Frank Adloff und Klaus Leggewie in Zusammenarbeit mit dem Käte Hamburger Kolleg / Center for Global Cooperation Research Duisburg, September 2014. Übersetzt aus dem Französischen von Eva Modenhäuser

Einleitung

Die Initiative zu dem Manifest geht auf ein Kolloquium in Japan im Jahre 2010 mit dem Titel „De la convialité. Dialogues sur la société conviviale à venir” zurück, das Anstoß für weitere Diskussionen unter frankophonen Intellektuellen war.

Einleitend geht der Kultursoziologe und Mitherausgeber Klaus Adloff auf die Hintergründe des Manifests ein. Hierzu zählen die schon 1972 vom Club of Rome festgestellten „Grenzen des Wachstums“ und weltweit dramatisch wachsende soziale Ungleichheit. Dies hat eine Gruppe hauptsächlich französischer Intellektueller und Wissenschaftler unterschiedlicher politischer und weltanschaulicher Provenienz veranlasst, ein Manifest herausgegeben, das eine Umkehr bewirken soll.

Als Hauptursachen der gegenwärtigen Probleme definiert das Manifest

  1. den Primat des utilitaristischen, also eigennutzorientierten Denkens und Handelns und
  2. die Verabsolutierung des Glaubens an die allein selig machende Wirkung wirtschaftlichen Wachstum (9).

Dem stellt es eine positive Vision des guten Lebens entgegen, das die Qualität sozialer Beziehungen und der Beziehung zur Natur verbessern soll.

Spiritus rector der Gruppe ist der an der Universität Paris lehrende Soziologe Alain Caillé. Seine zentrale Frage lautet, wie Menschen ohne Gemeinschafts- und Konformitätszwang zusammen leben können, ohne sich „gegenseitig niederzumetzeln” (16). Die Antwort hat er im „Paradigma der Gabe” des Ethnologen Marcel Mauss gefunden, der beschrieb, wie der Austausch von Gaben zwischen Gruppen von Menschen diese zu Verbündeten macht. In diesem Austausch erkennen sich Menschen gegenseitig an und bestätigen sich wechselseitig ihrer Unterstützung.

Im Unterschied zur neoliberalen Ökonomie streben Menschen bei diesem Austausch keinen Gewinn an, sondern sind intrinsisch motiviert. „Denn unentgeltliche Aktivitäten haben keinen Preis, sie wollen auch keinen haben” (26). Entscheidend ist für Caillé, dass nicht einzelne soziale Trägergruppen (Klasse oder soziale Bewegung) die Veränderung bringen sollen, sondern dass viele Wege zu öffnen und zu gehen sind. Im Sinne des Multikulturalismus wird eine radikale Offenheit (Gilroy) gefordert, um Verdinglichung von Gruppen und Kulturen zu vermeiden.

Aus Caillés Konzept resultieren nach Adloff drei zentrale Forderungen für das Manifest:

  1. Kampf gegen Maßlosigkeit, um sowohl extreme Armut als auch extremen Reichtum zu vermeiden.
  2. Zwischen den Nationen soll ein Maximum an Pluralismus und Gleichheit bestehen und
  3. durch die Autonomie der Gesellschaft gegenüber zu starker staatlicher Regulierung sollen zivilgesellschaftliche Assoziationen (Genossenschaften, Kooperativen, NGOs, Fair Trade, Wikipedia…) gefördert werden, in welchen er die Basis für eine Abkehr von der Ökonomisierung und die Realisierung von Konvivialem sieht.

Das Manifest

Als Einleitung werden die gegenwärtigen Bedrohungen und Verheißungen aufgelistet. Zu den wichtigsten Bedrohungen zählen die Klimaveränderung, Wiederkehr der Arbeitslosigkeit, eine maßlos gewordene Kluft zwischen den Ärmsten und den Reichsten, die den Kampf aller gegen alle schürt, immer mehr inner-und zwischenstaatliche Konflikte und Kriege sowie Zunahme mafioser Kriminalität mit Verbindung zu Steuerparadiesen und spekulativer Hochfinanz.

Zu den Verheißungen zählt ein möglicher weltweiter Triumph des demokratischen Prinzips, das durch die arabischen Revolutionen eine Renaissance erfahren hat, ein wirklicher Dialog zwischen den Zivilisationen nach dem Ende des Kolonialzeitalters und des Eurozentrismus, die Vervielfachung der Möglichkeiten persönlicher Kreativität in Kunst und Wissenschaft durch die Information-und Kommunikationstechnologien sowie die Ausrottung von Hunger und Armut unter der Bedingung einer gerechten Verteilung der vorhandenen materiellen Ressourcen.

Kapitel I: Die zentrale Hausforderung

Keine der Verheißungen kann in Erfüllung gehen, wenn die Gefahren nicht bewältigt werden. Als größtes Problem sehen die VerfasserInnen Rivalität und Gewalt zwischen den Menschen. Lösungsbausteine wurden in den letzten Jahrhunderten durch Religionen, Morallehren, politische Doktrinen wie Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus und in den Geistes- und Sozialwissenschaften entwickelt. Wichtige konkrete Ansätze sind die Verteidigung der Menschenrechte, der Rechte von Frauen, Arbeitern und Kindern, fairer Handel und vielfältige Formen gegenseitiger Hilfe. Diese Kräfte müssen gebündelt werden zu einer Kunst des Zusammenlebens (lateinisch: con-vivere), „die die Beziehung und Zusammenarbeit würdigt und es ermöglicht, einander zu widersprechen, ohne einander niederzumetzeln und gleichzeitig füreinander und die Natur Sorge zu tragen” (47). Dem Wunsch nach Anerkennung aller muss ebenso Rechnung getragen werden wie der Rivalität. Es muss Raum für die Vielfalt der Individuen, Gruppen, Völker, Staaten und Nationen geschaffen werden.

Kapitel II: Die vier (und eine) Grundfragen

Erforderlich für die Gewährleistung einer solchen Vielfalt ist eine minimale Doktrin, die von allen geteilt werden kann. Dazu müssen vier Grundfragen beantwortet werden:

  • „Die moralische Frage: „Was dürfen die Individuen erhoffen und was müssen sie sich untersagen?
  • Die politische Frage: Welche Gemeinschaften sind politisch legitim?
  • Die ökologische Frage: Was dürfen wir der Natur entnehmen und was müssen wir ihr zurückgeben?
  • Die ökonomische Frage: Wie viel Reichtum dürfen wir produzieren und auf welche Weise, um in Einklang mit den Antworten zu bleiben, die auf die moralische, politische und ökologische Frage gegeben wurden?
  • Jedem steht es frei, diesen vier Fragen eine weitere hinzuzufügen, nämlich die nach dem Verhältnis zum Übernatürlichen und Unsichtbaren: die religiöse oder spirituelle Frage“ ().

Die Unfähigkeit der Politik, auf diese Grundfragen Antworten zu finden, um die Probleme unserer Zeit zu lösen, kann nur aufgehoben werden, wenn mit einem doppelten Postulat gebrochen wird:

  • dem Postulat des absoluten Vorrangs der ökonomischen Probleme vor allen anderen und
  • dem Postulat des grenzenlosen Reichtums an natürlichen Ressourcen.

Bis in die 1970 er Jahre beschränkten sich die Wirtschaftswissenschaften darauf, zu erklären, was auf dem Markt der Güter und Dienstleistungen vor sich geht. Danach begannen sie, die Gültigkeit ihrer eigenen Erklärungen auf alle menschlichen und sozialen Tätigkeiten auszudehnen. Sozialwissenschaften und politische Philosophie haben sich diesem Herrschaftsanspruch weitgehend unterworfen.

Wenn man annimmt, dass das einzige Ziel des Daseins darin besteht, so viel Geld wie möglich anzuhäufen, kann es weder eine intrinsische Motivation geben, die Freude an gut gemachter Arbeit findet, noch Handeln aus Solidarität und Pflichtgefühl.

Die durch Unterwerfung der Sozialwissenschaften unter die Ökonomie entstandene „Standardwissenschaft” (56) hat dazu beigetragen, den Menschen zum „homo oeconomicus“ zu formen, andere Komponenten der Menschlichkeit auszuschalten und damit Probleme wie die weltweite Korruption zu schaffen.

Die Probleme lassen sich auf theoretischer Ebene nur bewältigen, wenn die Wirtschaftswissenschaft in ihre Schranken gewiesen wird und die Geistes-und Sozialwissenschaften gegen den Virus des rein Ökonomischen geimpft werden.

Anstelle der durch den homo oeconomicus geschaffenen Verwüstungen ist der Aufbau einer Gesellschaft der „Fürsorglichkeit” (care) und die Entwicklung einer öffentlichen Politik erforderlich, „die die Arbeit für andere wertschätzt und diejenigen fördert, die sich Aufgaben der Fürsorge widmen“ (57). Notwendig sind ein neuer Humanismus und neue Formen der Menschlichkeit.

Kapitel III: Über Konvivialismus

Mit diesem neuen Humanismus ist der Konvivialismus gemeint, der es den Menschen ermöglichen soll, sowohl zu rivalisieren als auch zu kooperieren. Erforderlich hierzu sind folgende Prinzipien:

  • Prinzip der gemeinsamen Menschheit: Unabhängig von allen Unterschieden gibt es nur eine Menschheit, die in der Person jedes ihrer Mitglieder geachtet werden muss.
  • Prinzip der gemeinsamen Sozialität: Der größte Reichtum der Menschheit besteht in ihren sozialen Beziehungen.
  • Prinzip der Individuation: Jedem einzelnen wird ermöglicht, seine besondere Individualität zu entwickeln ohne anderen zu schaden.
  • Prinzip der Konfliktbeherrschung: Die Individualität bringt es mit sich, dass Menschen gegeneinander opponieren. Dies dürfen sie aber nur solange wie der Rahmen der gemeinsamen Sozialität nicht gefährdet wird (61 f.).

Kapitel IV: Moralische, politische, ökologische und ökonomische Überlegungen

Wichtigstes moralisches Prinzip ist es, nicht „im infantilen Wunsch nach Allmacht (der griechischen Hybris) der Maßlosigkeit zu verfallen, d.h. dass das Prinzip der gemeinsamen Menschheit zu verletzen und die gemeinsame Sozialität unter dem Vorwand zu gefährden, irgend einer höheren Art anzugehören […]“ (64).

Zu den politischen Überlegungen gehört, dass ein Staat oder eine Regierung nur dann als legitim gelten kann, wenn Sie die o. g. vier Prinzipien der gemeinsamen Menschheit beachtet und die von der ILO prägnant formulierten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte gewährleistet: „Alle Menschen ungeachtet ihrer Rasse, ihres Glaubens unnd ihres Geschlechts, haben das Recht, materiellen Wohlstand und geistige Entwicklung in Freiheit und Würde, in wirtschaftlicher Sicherheit und unter gleich günstigen Bedingungen zu erstreben“ (65).

Zur Umsetzung gehört ein Mindesteinkommen ebenso wie ein Höchsteinkommen, weil extreme Armut und extremer Reichtum die Prinzipien der gemeinsamen Sozialität untergraben.

Zu den ökologischen Überlegungen zählt, dass der weltweit erreichte Wohlstand das Niveau der reichsten Länder um 1970 nicht überschreiten darf (mehr würde die Tragfähigkeit der Natur überfordern). Es obliegt deswegen diesen Ländern, ihre Naturentnahmen auf dieses Niveau herabzusenken.

Eine der wichtigsten ökonomischen Aufgabe ist der Kampf gegen die spekulativen Auswüchse der Finanzwirtschaft. Bankentätigkeit, Finanz-und Rohstoffmärkte müssen streng reguliert werden.

Kapitel V: Und konkreter?

Um für konvivialistische Lösungen genügend Autorität und Medienecho zu erreichen, schlagen die AutorInnen vor, den Entwurf einer Weltversammlung auszuarbeiten, in der sich Vertreter der organisierten Weltzivilgesellschaft, der Philosophie, der Geistes-und Sozialwissenschaften sowie der verschiedenen ethnischen, spirituellen und religiösen Strömungen treffen.

Darüber hinaus ist es wichtig, ein Bündel konkreter Maßnahmen vorzuschlagen, mit deren Hilfe die Menschen erkennen können, was sie vom Konvivialismus nicht nur mittel-und langfristig, sondern sofort gewinnen können. Hierzu zählen die schnelle Einführung von Mindest-und Höchsteinkommen, um die schwindelerregende soziale Ungleichheit zu beseitigen, Erfindung neuer Lebensweisen zum Schutze der Umwelt und der natürlichen Ressourcen sowie die Pflicht, „die Arbeitslosigkeit zu beseitigen und in jedem einzelnen eine anerkannte Funktion und Rolle in gemeinschaftsdienlichen Tätigkeiten zu bieten“ (75 f.).

Diskussion

Es ist kein Zufall, dass die Basis für die Lösung der weltweiten ökonomischen, ökologischen und sozialen Probleme in einer „neuen Kunst des Zusammenlebens” gesehen wird.

Der Mensch als soziales Wesen ist nicht ausschließlich ein auf den eigenen Vorteil bedachter „homo oeconomicus”. Hierzu wird er vielmehr durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Marcel Mauss‘ Erkenntnisse zu Gegenseitigkeit von Gaben können durch neuere sozialwissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt werden. In seinem Artikel „Staatsreligion Wettbewerb” weist Oliver Heuler (2008) unter Berufung auf zahlreiche empirische Untersuchungen nach, dass Wettbewerb weder „Teil unserer Natur” noch geeignet ist, Höchstleistungen hervorzubringen. Diese setzen vielmehr eine intrinsische, sachbezogene Motivation voraus, die durch Belohnungen und Preise nur untergraben wird. Wettbewerbe machen in der Regel nicht einmal Spaß, sondern sind allenfalls geeignet, mangelndes Selbstwertgefühl zu kompensieren.

Auf gesellschaftlicher Ebene muss die neue Kunst des Zusammenlebens einerseits im Sinne der „Offenen Gesellschaft” des in der Tradition des Liberalismus stehenden Philosophen Karl Popper (1945, 7. Aufl. 1992) eine weitgehende Autonomie des Individuums gewährleisten, sein Leben nach eigenen Entwürfen zu gestalten. Nur so können Menschen mit unterschiedlichen kulturellen oder religiösen Hintergründen, unterschiedlicher sexueller Orientierung oder Menschen mit und ohne Behinderung ohne Diskriminierung zusammenleben. Andererseits dürfen diese Unterschiede nicht zu sozialer Ungleichheit im Sinne von Einkommens-und Statusungleichheit führen, weil die seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zunehmende soziale Ungleichheit diese offene Gesellschaft gefährdet, indem sie zu Schließungsprozessen und Diskriminierung von Minderheiten führt. Der europaweite Zuwachs für rechtsradikale Parteien und Strömungen und zuletzt die Pegida-Bewegung können als Beleg angeführt werden.

Die von der Agenda 21 in Rio 1991 geforderte weltweite nachhaltige Entwicklung war schon immer als ein Zusammendenken und -führen von Ökonomie, Ökologie und Sozialem konzipiert. Das Manifest greift diesen Gedanken wieder auf, in dem es die Kunst des Zusammenlebens nicht auf Menschen beschränkt sondern die Natur miteinbezieht. Auch hier gilt, dass große soziale Ungleichheit den Verbrauch natürlicher Ressourcen anheizt, wie Vergleiche zwischen Ländern mit hoher und niedriger Einkommensungleichheit zeigen (Wilkinson & Pickett 2010, 245 ff.).

Fazit

Positiv ist zu werten, dass sich Intellektuelle und Wissenschaftler unterschiedlicher politischer Ausrichtung zusammengefunden haben, um Anstöße für notwendige kulturelle. gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen zu geben. Das Manifest ist geeignet, die Richtung dieser Veränderungen aufzuzeigen, weil es liberale mit sozialistischen Konzepten verbindet. Die konkreten politischen Schlussfolgerungen bedürfen jedoch auf allen Ebenen (supranational, national und regional) weiterer Präzisierung.

Literatur

Heuler, Oliver: Staatsreligion Wettbewerb. Drei Mythen dienen als Standbeine. Trend onlinezeitung 04/2008

Popper, Karl: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. 7. Aufl., Tübingen, 1992

Wilkinson, Richard und Kate Pickett: Gleichheit ist Glück. Warum gerechtere Gesellschaften für alle besser sind. Berlin, 2010


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