von Klaus Simon (Akademie Solidarische Ökonomie)

Gleich am Anfang des Buches beziehen die AutorInnen Position: Die Wahrnehmung ungebremsten Wachstums lenkt den Blick auf nur einen Teil der Welt, während es den Menschen im anderen Teil am Nötigsten fehlt.

Die ökologische und die soziale Frage gilt es demnach gemeinsam zu betrachten. Gedanken zur Postwachstumsökonomie können sich nicht auf das summarische Schrumpfen industrieller Aktivität beschränken. Sie müssen zugleich erörtern, „wie man das Überflüssige reduzieren und dabei das gute Leben, einschließlich der materiellen Versorgung, der Menschen verbessern kann“. Das bedeutet allerdings, dass „nicht mehr alle Dinge hergestellt werden können, an die sich die Wohlhabenden des Planeten gewöhnt haben“.

Im zweiten Kapitel wird der unmittelbare Zusammenhang zwischen Reichtum und Armut im Kapitalismus beschrieben. „Die physische Menge an Gütern reicht weltweit längst für ein gutes Leben aller Menschen aus“. Dennoch wächst die Ungleichheit schneller als jemals zuvor. An Themen wie Nahrungsmittel, öffentliche Dienstleistungen oder prekäre Arbeit wird die Verwandlung ganzer Lebensbereiche in kapitalistische Märkte aufgezeigt – zum Vorteil der Kapitaleigner und zum Nachteil der Allgemeinheit.

Kapitel 3 vertieft den Zusammenhang zwischen individueller Praxis und gesellschaftlichem Konsum. Als grundlegend wird dabei der Zusammenhang von Kapital und Konsum dargestellt. Kapital, „das in ein Geschäft gesteckt wird, aus dem es als größere Summe wieder herauskommen soll“, führt zwangsläufig zum „Selbstzweck Warenkonsum“. Denn erst Konsum (der Verkauf der Ware) ermöglicht Profit. Zugleich erfährt das fort und fort erneute Investieren und Vermehren von Kapital aus sich selbst heraus keinerlei Begrenzung. Der Charakter des Kapitals führt deshalb in einen Wachstumszwang des Systems. Der wiederum bedingt das Mitwachsen der produktiven Basis: einen wachsenden produktiven Konsum. Neben diesem produktiven und dem kollektiven Konsum (Infrastruktur usw.) stellt der individuelle Konsum also nur eine von drei Formen des Konsums dar. Dennoch spricht der Text dem individuellen Konsum große Bedeutung zu, wenn er neben bewussten Kaufentscheidungen damit verbunden ist, sich in die gesellschaftliche Auseinandersetzung einzubringen. Jenseits von Markt und Staat existieren längst konkrete Projekte (Solidarische Ökonomie, Commons usw.), an welche Wachstumskritik praktisch anzuknüpfen vermag.

Das vierte Kapitel ist mit „Krise und Krisenauswege“ überschrieben. In aller Deutlichkeit wird die immer gleiche Ursache heutiger Krisen beim Namen genannt: die mittlerweile gigantische Größenordnung von Finanzansprüchen, welche „händeringend profitable Anlagemöglichkeiten suchen“. Mit anderen Worten: Jedem Dollar Vermögen steht ein Dollar Schulden gegenüber, den jemand als Kredit nehmen muss. Das ist die Ursache der immer mehr ausufernden Warenproduktion sowie der Privatisierung öffentlichen Eigentums zum Schaffen zusätzlicher Investitionsfelder. Und das hat all die ökologische Zerstörung zur Folge, die sich fatalerweise im Ergebnis des Ausuferns einstellt. Notwendig ist demzufolge ein öffentliches Audit, das die Fragwürdigkeit der Finanzansprüche offenlegt, welche den Schulden gegenüberstehen. „Es wird kein Weg daran vorbeigehen, dass die Finanzansprüche entwertet werden.“ Die AutorInnen halten somit „den klaren Bruch mit dem Bestehenden für erforderlich.“ Aus dieser Sicht unterziehen sie innersystemische Reformvorhaben der Kritik – vom Green New Deal bis zur Green Economy. Ein derart gigantisches Wachstum, das die Einlösung aller heute aufgetürmter Finanzansprüche (=Schulden) jemals leisten könnte, ist schlicht undenkbar. Das gilt auch für grünes Wachstum (und der vorgetragenen Auffassung ist um so mehr zuzustimmen, als effizientere oder naturverträglichere Technologien wegen Reboundeffekten bisher noch kaum je zur Reduzierung des Naturverbrauchs geführt haben). Generelles Fazit des Kapitels ist, dass weder Sparen noch Wachsen aus der Krise führen, da weder Sparen noch Wachsen ein geeignetes Mittel darstellen, das Übermaß an Finanzansprüchen zu reduzieren!

Ein wichtiger Abschnitt befasst sich mit der sozialen Sicherheit trotz rückläufiger Erwerbsarbeit. Denn „insgesamt ist davon auszugehen, dass nach einem ökologisch-sozialen Umbau eher weniger als mehr Erwerbsarbeitsplätze zur Verfügung stehen werden“, die obendrein gerecht innerhalb der Gesamtgesellschaft zu verteilen sind. Mit gutem Grund verweist der Text auf bestehende Ängste vor Einkommensrückgang. Dabei wäre ein zusätzlicher Hinweis hilfreich: Während eine weltweit gerechte Verteilung auf Basis nachhaltigen Wirtschaftens in der Tat Abstriche von den heute Wohlhabenden fordert, ist Arbeitszeitreduzierung nicht zwingend mit Einbußen der Erwerbstätigen gleichzusetzen. Denn im künftigen nichtkapitalistischen System entfällt jener Anteil an den Preisen, der heute durch Kapitaldienst verursacht ist (z.B. liegt der Zinsanteil bei Wohnungsmieten oft über 50%). Ein Teil dessen, was heute als Kapitaleinkünfte abfließt – in Deutschland rund 300 Mrd. Euro jährlich – steht im künftigen System der Gesellschaft zur Verfügung! Reduzierte Erwerbsarbeit bedeutet deshalb nicht automatisch reduzierte Lebensumstände: Die andere Welt, die möglich ist, ist eben auch wirklich eine andere Welt, und nicht die Welt wie wir sie kennen.

Das fünfte und letzte Kapitel bietet einen interessanten Überblick der verschiedenen Arbeitsbereiche, in denen Attac am gesellschaftlichen Umbauprozess mitwirkt. Bei allen spielt die Wachstumsfrage nicht nur eine Rolle, sondern zieht sich quasi als gemeinsamer Nenner durch die verschiedenen Themenfelder.
Den AutorInnen ist ein radikales (d.h. an die Wurzel gehendes) und klar verständliches Buch gelungen, das seiner Funktion als Basistext gerecht wird: Es legt tatsächlich die Basis für ein grundlegendes Verständnis heutiger Wachstumsprobleme und ihrer Überwindung. Dabei wird nicht verschwiegen, dass wir infolge der momentanen Kräfteverhältnisse auch über Teilerfolge froh sein müssen und zunächst nur kleine Schritte gehen können. „Aber die Kräfteverhältnisse werden sich nicht ändern, wenn die Bewegung sich nicht bewusst ist und auch laut sagt, dass es ihr ums Ganze geht. Nur weil wir heute nicht alles kriegen, heißt das nicht, dass wir aufhören können, es zu fordern.“ Dieser Einsicht ist weite Verbreitung zu wünschen.

Werner Rätz, Dagmar Paternoga, Hermann Mahler:
Solidarisch aus der Krise wirtschaften
AttacBasisTexte 46
VSA Verlag Hamburg 2014, 94 Seiten.

 


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