Vom 12. bis 14. Juni 2014 fand an der Hochschule Emden/Leer die Tagung „Widerstand gegen die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit, der Pädagogik und des Gesundheitsbereiches – WAS TUN?“ statt.
Nachfolgend ein Tagungsbericht von Prof. Dr. iur. Renate Bieitz-Harder

In den ersten drei Vorträgen der Tagung begegnete – wen wundert es – nicht das „dreimal heilig“ aus den Liturgien der großen christlichen Kirchen, sondern ein dreimal Marx, Zitate von Marx in den Vorträgen von Norbert Wohlfahrt, Kathrin Schrader und Frank Engster. Karl Marx war unbestritten ein großer Denker. Dennoch versuche ich selber den Rückgriff auf seine Texte zu vermeiden. Das hängt mit meinen persönlichen Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen im gesamten Zeitraum der ersten dreißig Jahre meines Lebens zusammen, bei deren Begründung die damals Mächtigen sich nicht scheuten u. a. auch Marx zu zitieren. Aber ich kann immerhin anderen, die in dieser Hinsicht unvoreingenommen sind, zuhören und sehe mich deshalb auch in der Lage, eine Zusammenfassung meiner Tagungsbeobachtung weiterzugeben.

Ich beginne mit dem Vortrag von Dr. Frank Engster. Frank Engster hat die Frage nach dem „Umbruch des Arbeitsmarktes in die Dienstleistungsberufe“ logisch-kategorial und geschichtlich entblättert, bis hin zu dem Ergebnis, das unsere Gegenwart kennzeichnet:

Die Überproduktion der Ware Arbeitskraft überschüttet den Markt mit sozialen Dienst-leistern in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Reproduktion, die ihrerseits wieder zur Produktion weiterer überflüssiger Arbeitskräfte führt. Zugleich entwertet die Überproduktion den Verkaufswert der Ware Arbeit. Niedriglöhne sind die Konsequenz. Und am Abend zuvor hörte ich im Vortrag von Dr. Kathrin Schrader, dass im Bereich Reproduktionsarbeit überhaupt nur ein Anteil von 7% der Dienstleistungen entlohnt werde. Die massenhafte Überschwemmung des Marktes mit überflüssigen Arbeitskräften und billigen Dienstleistungen ist nach der Darstellung von Frank Engster das logische Ergebnis einer Entwicklung, die den (Kapital)Marktgesetzen folgt. Widerstand gegen die Entwicklung hin zu dieser Situation ist zu spät. Es ginge eher um eine Kehrtwende, also die Abwendung von einem System, das so etwas möglich macht, hin zu etwas anderem. Die Frage ist, und wurde auch während der Tagung immer wieder laut, wohin wollen wir gehen? Zurück in die Bundesrepublik Deutschland vor der Agenda 2010? Zurück in die BRD der siebziger Jahre, also zurück in die Zeit vor dem Untergang der Sowjetunion?

Kathrin Schrader nannte in ihrem Vortrag „Care Revolution“ Forderungen. Eine Forde-rung war die nach der individuellen Existenzsicherung, eine Forderung der auch ein ganzer Workshop mit Werner Rätz gewidmet war („bedingungsloses Grundeinkom-men“). Als weitere Forderung nannte Kathrin Schrader die Forderung nach einer ge-meinschaftlichen Daseinsvorsorge. Für die Realisierung dieser Forderungen ist ein Zurück in die Zeit der siebziger Jahre der Bundesrepublik Deutschland nicht ausreichend, falls ein solches Zurück überhaupt möglich wäre. Die Realisierung solcher Forderungen ist in letzter Konsequenz wiederum abhängig von der Lebenserwartung, der Lebenserwartung des Kapitalismus. Das Ende des Kapitalismus könne sich aber kaum jemand wirklich vorstellen, so formulierte es unter Rückgriff auf ein Zitat Kathrin Schrader am Schluss ihres Vortrags. Selbst wenn sich dies wirklich niemand vorzustellen vermag, so kann doch auch über diese Mauer die Phantasie vorausfliegen.

Zurück zum Ausgangspunkt der Tagung und zu einer anderen Perspektive. Ich hatte mich vor Beginn der Tagung gefragt, was die Organisatoren der Tagung mit dem Begriff der Ökonomisierung gemeint haben könnten. Dass nicht gemeint sein konnte, alle ökonomischen Überlegungen aus der Sozialen Arbeit zu verbannen, stellte bereits der erste Vortrag klar. Die Ökonomie solle aber für die Menschen da sein und nicht umgekehrt. In dem Vortrag Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt bin ich insbesondere auf zwei Aspekte gestoßen, die mit dem Begriff der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit angesprochen werden.

Zum einen ist die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit eng verbunden mit der Erfin-dung des Begriffs der „sozialen Märkte“. Erklärte man die sozialen Bereiche zu Märkten, so waren Forderungen nach der Öffnung dieser bislang geschlossenen Märkte für private Unternehmen mit dem Interesse der Gewinnerzielung die logische Konsequenz. Es kam zu einer betriebswirtschaftlichen Neuorganisation sozialer Dienstleistungen mit allen negativen Folgen. Das betraf und betrifft nicht nur die privaten Unternehmen, die nun zu Erbringung sozialer Dienstleistungen zugelassen sind. Dieser Wandel betrifft auch die großen Wohlfahrtsverbände und ihre Mitglieder. Der Wechsel von der Zuwendungsfinanzierung hin zur Entgeltfinanzierung von Leistungen machte und macht die Übernahme betriebswirtschaftlichen Denkens auch für die gemeinnützigen Leistungserbringer notwendig.

Zum anderen hängt die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit eng mit der Unterordnung der sozialstaatlichen Ziele unter die Interessen des (Kapital)Marktes zusammen. Die durch den Markt produzierten Problemlagen sollen, so Wohlfahrt, durch den Sozialstaat kompensiert werden. Sie sollen aber nur soweit kompensiert werden, dass die entstandenen sozialen Probleme den Markt nicht stören können, oder besser noch, soweit die Kompensation bzw. die Reparatur der Problemlagen die Wachstumsbestrebungen des Marktes befördern. Die Individuen haben keinen Wert für sich. Sie sollen funktionieren im immer währenden Konkurrenzkampf. Der Beruf des Sozialarbeiters, so ist mein Eindruck, wird vor diesem Hintergrund zum Beruf eines Sozialtrainers. Wer marktkonforme „Sozialkompetenzen“ nicht selber erlernen kann, ist zu dressieren. Wer solche Dressur ablehnt oder sabotiert ist zu sanktionieren bis er sich unterwirft und sich doch trainieren lässt.
Aus diesen beiden Aspekten der Ökonomisierung der sozialen Arbeit ergeben sich zwei Richtungen des Widerstandes, die an verschiedenen Stellen der Tagung zur Sprache kamen.

Zum einen: Widerstand mit Blick auf die eigene soziale Situation der Berufsvertreter zur Verbesserung der Arbeits- und Einkommensbedingungen. Hier fielen die Stich-worte Tarifpolitik, Berufsverband, Bereitschaft zum Streik. Im Workshop von Konrad Huchting und Frank Traffa wurde deutlich, dass hier Kenntnisse des Arbeitsrechts sehr nützlich sein können.

Zum anderen muss es aber auch um einen Widerstand gehen, der sich gegen die Vereinnahmung des Berufsstandes für die Zwecke und Ziele des vom Markt unterworfenen Sozialstaats richtet. Solche Vereinnahmung des Berufsstandes ist zugleich verknüpft mit einer Abwertung der Menschen, die Adressaten Sozialer Arbeit sind. Steht die Ökonomie im Mittelpunkt, hat also der einzelne Mensch nur einen Wert, soweit er dazu beiträgt, dass der (Kapital)Markt reibungslos läuft, so ist es schwierig, Adressaten sozialer Arbeit einen Wert zuzusprechen. Aus der Perspektive eines Vertreters des Marktes sind es „Verlierer“, Menschen die unfähig sind, sich den Gesetzen des Marktes entsprechend zu verhalten. Sozialarbeiter, die dies nicht reflektieren, geraten in Gefahr, diese Herabwürdigung der Adressaten ihrer Arbeit als eigene Haltung zu verinnerlichen. Sie geraten in Gefahr, ihre Arbeit mit erkennbarer Empathieverweigerung zu verrichten. Dass diese Gefahr tatsächlich eine reale ist, auch dies habe ich gehört, so im Vortrag von Prof. Dr. Mechthild Seithe, aber auch im Workshop „Widerstand gegen alle Fronten“ des AKS Bremen. Dieser Praxis müsse etwas entgegenhalten werden. Kritische Sozialarbeiter sollten den Kontakt zu anderen suchen. Und es gab den Aufruf: Gründen wir doch jetzt einen AKS in Emden.

Ich möchte noch kurz auf den Workshop eingehen, der sich dem Thema sozialer Ungleichheit als Ursache auch gesundheitlicher Probleme widmete. Prof. Manfred Baberg wies in seinem Einführungsvortrag u. a. auf Folgendes hin: Man habe in Untersuchungen festgestellt, dass in Gesellschaften, in denen die soziale Ungleichheit sehr groß ist, bei denjenigen Menschen die sich ganz den Marktgesetzen unterwerfen und sich auf den individuellen Konkurrenzkampf konzentrieren, um in ihrem Leben etwas zu erreichen, die Fähigkeit zu Empathie messbar sinke. Entwickelt sich unsere Gesellschaft weiter auseinander, hätte das zur Folge, dass auch hier bei immer mehr Menschen die Empathiefähigkeit sinkt. Bei geringer Empathiefähigkeit ist der Schritt zur Empathieverweigerung nur noch ein kleiner.

Widerstand beginnt mit der Reflexion, der Reflexion der eigenen Situation und der Re-flexion der sozialpolitischen Steuerung. Sie beginnt mit dem Hinterfragen neuer Begriffe. „Hinterfragen Sie die neuen Leitbilder, hinterfragen Sie die neuen Begriffe“ so forderte bereits Norbert Wohlfahrt im ersten Vortrag der Tagung. „Wie wir denken, so sprechen wir, wie wir sprechen, so denken wir.“ Das war das Motto des Workshops „Von der Selbstachtung zum Widerstand“, den Horst Börner und Fred Müller von der Soltauer Initiative leiteten. Im „Denkzettel Nr. 4“ der Soltauer Initiative heißt es: „Das Menschlichste, was wir haben, ist die Sprache (Theodor Fontane). Neoliberale Sprache unterhöhlt Mitmenschlichkeit und Mitgefühl. Mit Begriffen wie Kunde, Produkt, Modul, Leistungspaket, Ablaufoptimierung, Outcome…wird das Wesentliche sozialer, kommunikativer Arbeit verdeckt.“ Wer solche Begriffe unreflektiert übernimmt und verwendet gerät in Gefahr auch sein Denken entsprechend zu programmieren. Denn, so Victor Klemperer in LTI, „Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewußter ich mich ihr überlasse“ (zitiert nach Ingo Schulze, Unsere schönen neuen Kleider, 2012, S. 47).

Mein Fazit: Lasst uns mit dem Buchstabieren beginnen!

 

Dokumentation der Tagung


-- Diesen Beitrag als PDF Herunterladen --